Brasch. Das Wünschen und das Fürchten den Hintergrund für die Gespräche mit dem Autor bildet. Ein Zimmer in einer Wohnung, durch deren leeren Zustand Rüter immer wieder mit der Kamera geht: "An der Tür das Schild trägt keinen Namen / wenn ich weggeh, ausgewiesen bin, / und mein Auge an das Glas noch lege / ist es leer dort wieder leer."

"Wer durch mein Leben will, muss durch mein Zimmer", heißt es in einem Gedicht des 2001 verstorbenen Dichters, Schriftstellers und Regisseurs Thomas Brasch. Ein Zimmer, das auch in Christoph Rüters Filmporträt

Christoph Rüter hatte als Dramaturg der Westberliner Volksbühne Thomas Brasch in den achtziger Jahren kennengelernt. Beide wurden, wie Rüter zu Anfang des Films sagt, Freunde. Und so ist Brasch. Das Wünschen und das Fürchten eine Hommage an den toten Freund, erzählt von seinem Leben und seiner Zerrissenheit. Von seiner jüdischen Familie, die aus der Emigration 1947 in die DDR zieht, wo der Vater Parteikarriere macht und es bis zum stellvertretenden Kulturminister bringt. Von der Zeit auf der Kadettenschule der Nationalen Volksarmee, die ihn tief geprägt hat. Von seinen Erfolgen nach der Ausreise in den Westen und seinem Absturz nach der Wende.


Ein Film, der vor allem aus Gesprächen mit Brasch besteht, die Rüter Ende der neunziger Jahre mit ihm in seiner Wohnung geführt hat. Brasch kommentiert darin seine Biographie, erzählt Details zu sich und seinem Schreiben. Anhand von Ausschnitten aus seinen Filmen Engel aus Eisen, Domino und Der Passagier, die er in die Dokumentation montiert hat, zeigt Rüter, wie Braschs Biographie sein Interesse für literarische Stoffe geprägt hat.

In Shakespeares Theaterstück Richard II. , das Brasch übersetzt hat, und von dem ein Ausschnitt aus der Inszenierung von Claus Peymann zu sehen ist, denunziert der Herzog von York seinen Sohn Rutland beim König, genauso wie Braschs Vater ihn an die Polizei verrät, nachdem er 1968 Flugblätter gegen den Einmarsch des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei verteilt hatte. Brasch wird zu 27 Monaten Gefängnis verurteilt, aber nach drei Monaten wieder entlassen. Danach muss er sich zwei Jahre "in der Produktion bewähren".

Weil kein DDR-Verlag ein Buch von ihm veröffentlichen will, verlässt Thomas Brasch 1976 die DDR. Wobei der Film unerwähnt lässt, dass er noch zuvor zu Erich Honnecker gebeten wird und der sich mit Handschlag von ihm verabschiedet. Rüter berichtet vom Erfolg im Westen, erzählt vom Absturz nach dem Fall der Mauer, vom Alkohol und den Drogen, die dann Ende der neunziger Jahre in einem Zusammenbruch enden. "Wer immer in mir wohnt", sagt Rutland in Richard II., "– ich mein nicht mich – ich mein den Menschen in mir, der wird nicht zufrieden sein, bevor er alles los ist, auch sich selbst."

Immer wieder zeigt Rüter Aufnahmen, die Brasch selbst in den neunziger Jahren gemacht hat. Es sind tagebuchartige Szenen, mit wackelnder Kamera und melancholischer Musik, die ihn in seiner alten Wohnung in Charlottenburg zeigen, sein Chaos und seine Einsamkeit dokumentierend. Oft endet eine solche Aufnahme nach einem Kameraschwenk vor dem Spiegel, so als müsse Brasch sich seiner selbst vergewissern. "Wer keinen Feind mehr hat", zitiert Rüter Heiner Müller aus dem Off, "trifft ihn im Spiegel".

Der Mauerfall traf Brasch als einen, der aus der DDR eigentlich nie wegwollte. Den man dort nur nicht leben und arbeiten ließ. Die Wiedervereinigung war für ihn eine vertane Chance auf eine andere Gesellschaft. Warum muss man, sagt Brasch, "kaum unter dem Rock der Partei hervorgekrochen" sofort wieder "unter den Rock der Kirche oder des Kanzlers" kriechen? Warum sofort wieder eine Ordnung herstellen, "um Gottes willen nicht aus der Ordnung fallen, außer-ordentlich" sein? Hier zeigt der Film im Gespräch noch einmal den anarchischen, den rebellischen, den politischen Brasch.