Eine dunkle Begierde könnte einem Horrorfilm entstammen. Als die Kutsche ein Schloss erreicht, wird jedoch klar, dass es sich nicht etwa um das des Frauenmörders Blaubart handelt, sondern nur um ein Sanatorium: Weiß gekleidetes Personal kommt die Freitreppe herunter und bringt die wild um sich schlagende Patientin auf ihr Zimmer.

Eine geschlossene schwarze Kutsche mit zwei Rappen und einem schwarz gekleideten Kutscher fährt über einen einsamen Weg. Zwei Männer versuchen im Wageninneren eine tobende junge Frau, deren Gesichtszüge verzerrt sind, zu bändigen. Die Eingangsszene von David Cronenbergs

Dieses "nur" passt zu Vielem in Eine dunkle Begierde , dessen deutscher Titel - im Englischen lautet er A dangerous Method – so irreführend ist wie die schwarze Kutsche. Denn die Geschichte, die der Film erzählt, ist seltsam harmlos für einen Regisseur, der als Spezialist für subtilen Body-Horror bekannt ist. Es ist "nur" Hysterie, nicht die Verwandlung eines Menschen in eine riesige Monsterfliege ( Die Fliege ). Es geht "nur" um symbolische Tötung, nicht um realen Mord (wie in Eine Geschichte der Gewalt ). Während es im Horrorfilm meist darum geht, dass aus dem friedlichen Alltag plötzlich der nackte Wahnsinn tritt, ist es hier umgekehrt: Die unter Hysterie leidende Sabina Spielrein, Tochter eines reichen russischen Kaufmanns, wird Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts von ihrer Krankheit im Schweizer Sanatorium Burghölzli geheilt.

Aber dann gibt es doch noch, wie der Titel verspricht, etwas Dunkles in Cronenbergs Film. Es ist das sadomasochistische Liebesverhältnis Sabina Speilreins zu ihrem Arzt im Burghölzli, dem Psychoanalytiker C.G. Jung. Der frisch verheiratete Familienvater gibt seinen Gefühlen nach und hebt die gebotene Distanz zu seiner Patientin auf. Es folgt ein Hin und Her zwischen dem Wunsch, intime Gefühle auszuleben, und C.G. Jungs Treue zu seiner Ehefrau sowie seiner Befürchtung, die noch junge und gesellschaftlich angefeindete Psychoanalyse könne Schaden nehmen, wenn der Fall bekannt würde. Als Freud schließlich von dem Verhältnis erfährt, trennt sich Jung von Spielrein, die ihre Behandlung beim Vater der Psychoanalyse in Wien beendet und schließlich selbst Psychoanalytikerin wird. Am Ende gibt es dann den berühmten symbolischen Vatermord: Jung kritisiert in einem Buch Freuds Libidotheorie, worauf dieser sich von dem bereits als seinem Nachfolger gehandelten Schweizer lossagt.


Cronenbergs Film erzählt diese verbürgte Geschichte als klassischen Kostümfilm. Wie im Historismus gibt er vor, so zu erzählen, wie es war. Umso unpassender wirken deshalb die computeranimierten Szenen von der Überfahrt nach Amerika, wohin Freud und Jung 1909 unterwegs sind. Abgefilmte Sperrholzmodelle, wie sie in den dreißiger Jahren üblich waren, hätten da wenigstens noch den Charme des Theaterhaften gehabt. Man fragt sich auch, ob Freud wirklich dieses Mafiosohafte hatte, mit dem er von Viggo Mortensen dargestellt wird. Und ob der Freud-Schüler Sándor Ferenczi solch ein koffertragender Trottel war, als der er kurz während der Amerikareise von Freud und Jung auftritt.

Obwohl die geschliffenen Dialoge von Drehbuchautor Christopher Hampton ( Gefährliche Liebschaften ) den Film durchaus kurzweilig machen, fehlt an wichtigen Stellen die Darstellung von Emotionen, die den Zuschauer von der Dramatik der Geschichte überzeugen könnten. Von der Leidenschaft zum Beispiel, mit der Freud und Jung sich 13 Stunden lang bei ihrem ersten Treffen unterhalten, spürt der Zuschauer nichts. Damit er sie begreift, muss Freud es am Ende aussprechen, dass sie sich schon so lange unterhalten. Auch die Hysterieanfälle Sabina Spielreins, gespielt von Keira Knigthley, wirken merkwürdig unwirklich ob des ewig schönen Wetters, das dem Film eine "Brille mit Goldrand"-Atmosphäre verleiht.

Ärgerlich ist zudem, dass der Film noch einmal die Missverständnisse reproduziert, die durch die ungenügende Übersetzung von Freuds Schriften im angelsächsischen Raum verbreitet wurden. Aus der Offenheit seiner Texte, seinem ständigen Eingestehen, erst ganz am Anfang einer Erklärung für psychische Phänomene zu stehen, wird in den Dialogen eine Freudsche Psychoanalyse, die wie eine einfache mechanistische Theorie wirkt. Am Ende erfüllt Eine dunkle Begierde weder seinen fragwürdigen Anspruch auf Authentizität, noch gelingt es ihm, Probleme aus der Frühzeit der Psychoanalyse adäquat wiederzugeben.