ZEIT ONLINE: Frau Ramsis, in Ihrer Dokumentation Forbidden erzählen Sie und ihre Interviewpartner von den Dingen, die in Ägypten unter Mubarak verboten waren – vom Händchenhalten in der Öffentlichkeit bis hin zu Parteigründungen. Unter welchem Verbot haben Sie persönlich am meisten gelitten?

Amal Ramsis: Zunächst einmal war uns Ägyptern unter Mubarak so ziemlich alles verboten, und daran hat sich nicht wirklich etwas geändert, seit die Macht beim Obersten Militärrat liegt. Für mich als Filmemacherin ist die allgegenwärtige Zensur immer noch das schlimmste Übel. Das fängt damit an, dass ich für jede Kleinigkeit eine Erlaubnis brauche. Zuerst muss das Drehbuch bei der Zensur eingereicht werden. Und selbst wenn es dafür eine Genehmigung gibt, muss ich den fertigen Film noch einmal vorlegen. Für Forbidden habe ich auf der Straße gedreht. Das ist uns Ägyptern ohne vorherige Genehmigung verboten. Nur Touristen dürfen das. Beim Drehen habe ich deswegen versucht, mich wie eine Touristin zu geben. Außerdem habe ich kein Arabisch gesprochen.

ZEIT ONLINE: Sie haben mit dem Dreh im Spätsommer 2010 begonnen. Haben Sie damals geglaubt, dass der Film in Mubaraks Ägypten jemals öffentlich gezeigt werden könnte?

Ramsis: Nein, absolut nicht. Forbidden wäre niemals durch die Zensur gekommen. In dem Film geht es um das Regime, es geht um die gefälschten Wahlen von November 2010, bei denen die Regierungspartei NDP angeblich 97 Prozent der Stimmen erreichte. Ich zeige, dass wir praktisch in einem riesigen Gefängnis lebten. Ich wusste, dass es gefährlich ist, diesen Film zu machen. Dennoch habe ich ihn nach Mubaraks Sturz bei der Zensur eingereicht. Es war ein Test. Ich wollte herausfinden, ob sich seitdem vielleicht doch etwas geändert hat. Und tatsächlich bekam ich die Erlaubnis, Forbidden ein einziges Mal öffentlich zu zeigen. Die Aufführung fand im Mai im Kino des Kulturministeriums in Kairo statt. Der Saal war brechend voll.

ZEIT ONLINE: Wie haben die Besucher reagiert?

Ramsis: Viele haben geweint. Dabei ist der Film gar nicht traurig, sondern steckt voller Humor. Insofern ist er typisch ägyptisch. Wir Ägypter sehen unter widrigen Bedingungen nicht nur schwarz, sondern versuchen, auch die absurdesten Verbote mit Humor zu nehmen. Forbidden hat vielen Menschen bewusst gemacht, in welchem Gefängnis wir gelebt haben und eigentlich noch immer leben.

ZEIT ONLINE: Unter den Protagonisten, die im Film über ihre Erfahrungen mit Verboten sprechen, sind auch einige Ihrer Freunde. Was hätte ihnen schlimmstenfalls passieren können?

Ramsis: Meine Freunde sind politische Aktivisten, so wie ich. Sie wussten, auf was sie sich einließen. Für sie war der Film ein Statement, ein Teil ihres politischen Kampfes. Meine Freunde sagen darin ganz offen, dass sie Mitglieder in einer verbotenen politischen Partei sind. Forbidden zeigt, wie sie an politischen Demonstrationen teilnehmen. Dafür hätten sie unter Mubarak ins Gefängnis kommen können. Sie wären verurteilt worden und vorher vielleicht sogar gefoltert worden. 

ZEIT ONLINE: Am letzten Tag des Filmschnitts, dem 25. Januar, begannen die Massenproteste auf dem Tahrir-Platz. Haben Sie den Film danach noch einmal verändert?

Ramsis:
Der Film war praktisch fertig. Ich saß an diesem Tag mit meinem Cutter im Schnitt, um mir die letzte Version anzuschauen. Das war etwa um 14 Uhr. Zeitgleich ging die Demonstration los. Ich dachte, dass ich an etwas Wichtigem arbeite und entschied mich deshalb dafür, nicht hinzugehen. Nach zehn Minuten rief mich eine Freundin an. Sie sagte, ich solle unbedingt zum Tahrir-Platz kommen. Ich sagte ihr, ich müsse erst meinen Film fertig sehen. Ein paar Minuten später rief mich ein anderer Freund wegen der Demonstration an. Schließlich war ich überzeugt. Ich ging zum Tahrir-Platz. Als ich ankam, ging die Polizei gerade auf die Menschen los. Tränengaswolken hingen in der Luft, die Leute liefen auseinander. Ich habe dann Bilder von der Demonstration an das Ende von Forbidden gesetzt.