Es beginnt und endet an einer Grenze. Dazwischen erzählt Nikolaus Geyrhalter in nur 20 Bildern eine Geschichte des Abendlandes. Sein Dokumentarfilm zeigt Europa in der Nacht. Wie es lebt, arbeitet, tanzt, hofft, bangt, stirbt, weiterarbeitet, weiterlebt.

"Wer im Paradies lebt, muss gut darauf aufpassen", sagt Geyrhalter und zeigt unseren Kontinent als privilegierten Ort, der gesichert werden muss: Überwachungskameras an einer slawischen Grenze und in London, Grenzzäune in Melilla, der spanischen Exklave in Marokko, Einsatztrainings der Polizei in Deutschland. Wir verteidigen, was wir haben, mit allen Mitteln, über die wir verfügen. Diese formal zudem sehr strengen Szenen könnten eine Atmosphäre der Beklemmung schaffen.

Doch Geyrhalter sieht in Europa nicht nur den Ort, den es zu sichern gilt, sondern auch zu pflegen. An Schauplätze aus der Festung Europa reiht er Szenen, in denen sich Menschen kümmern. So folgt er in einer aberwitzig langen Kamerafahrt einer Oktoberfest-Bedienung und ihren zehn halben Hendln durch das Hacker-Pschorr-Zelt, durch Menschen hindurch, die auf Bierbänken in einer für die Masse entworfenen Choreografie zu "Heit is so a schena Tog" tanzen. Und er setzt diese Fahrt optisch fort, indem er Sanitätern folgt, die eine Betrunkene aus dem Festzelt in das Notarztquartier bringen. Dort schließlich hockt einer der Helfer neben einer Angehörigen und streicht ihr über den Rücken. Es ist eine professionelle Geste, die uns aber in ihrer Menschlichkeit zutiefst berührt.


Eine Nachtschwester auf der Neugeborenenstation dreht das bisschen Mensch zwischen ihren Händen nebst seinen vielen Schläuchen in eine neue Lage. Viel später sehen wir, wie ein junger Mann in einem Pflegeheim alte Menschen im Schlaf dreht, ebenfalls um ihnen eine bequemere Lage zu verschaffen. Geyrhalter schafft es, dass sich die Szenen in unserem Gedächtnis miteinander verknüpfen. So legt sich ein Gespinst von Bildentsprechungen über den Film, das ihn ganz zart zusammenhält und uns sowohl die Zerbrechlichkeit dieses Gebildes Europas vor Augen führt wie auch die Fürsorge, die die Menschen sich hier gegenseitig zukommen lassen.

Wir sehen Menschen, die nachts am Seelsorge-Telefon Verzweifelten zuhören. Und Menschen, die wegen der bevorstehenden Räumung eines Roma-Lagers versuchen zu organisieren, dass die Familien den Ort gemeinsam verlassen können. Der Einzelne erscheint hier als Linderung des Festungs-Prinzips. Manchmal freilich bleibt dieses Bemühen grotesk wie in dem Beratungsgespräch, das eine junge Mitarbeiterin mit einem Mann führen muss, der soeben von seiner Abschiebung erfahren hat. Ihm erscheint ein Leben in der Illegalität der Schweiz bei Weitem annehmbarer als eine Rückkehr in seine Heimat außerhalb Europas, in der Krieg herrscht.

Europa in einem Film zu fassen, ist kein leichtes Vorhaben. Geyrhalter ist mit seinen nächtlichen Momentaufnahmen eine besonders schöne der möglichen filmischen Antworten gelungen.