"Er wollte immer die Welt retten, aber was wird aus uns?" Widerspenstig reagieren die Söhne auf die Idee des Filmemachers, ein großes Fest für den Stammvater ihrer Familie zu feiern: den Mikrobiologen und gesellschaftlichen Visionär Sergej Tschachotin. Boris Hars-Tschachotin, Sergejs Urenkel, verehrt seinen Vorfahren so sehr, dass er dessen verstreute Lebenszeugnisse sammelte und ihm ein filmisches Denkmal setzen wollte. Schon 2006 schuf er eine " Makroskop " genannte Installation zum Thema.

Sergej Tschachotin, ein 1973 in Moskau verstorbener Mikrobiologe, Weltbürger, Sozialist, Antifaschist und Propagandastratege, ist in den Augen des Urenkels ein Leuchtturm des engagierten Widerstands, ein Vorbild in unserer an Visionären armen Zeit. Der Bewunderte indes hat die vier überlebenden seiner acht Söhne entzweit. Die vier rüstigen Herren sprechen nicht miteinander, zu weit haben die einstigen Entscheidungen des Alten, vor allem die Folgen der großen politischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts, sie voneinander getrennt. Nicht einmal über sein Grab können sich die Herren einigen. Sergejs Asche wartet in einer marmornen Urne auf dem Schrank seines 90-jährigen Sohnes Eugène in Paris auf die Bestattung.

Der junge Boris ergreift mit bohemienhaftem Schwung die Initiative, besucht den Großvater Wenja und die Großonkel Eugen und Andrej in Frankreich sowie Petja in Italien und wirbt für eine Seebestattung an Korsikas Küste – vielleicht vom Flugzeug aus, denn an Sergejs Schlaflied über das Luftschiff, das fliegt, "als ob in Stürmen Ruhe wär", können sich alle noch erinnern.

Mind-Map einer Familie

Diese kuriose Konstellation verschafft Boris Hars-Tschachotins dokumentarischer Spurensuche Sergej in der Urne den reizvollen, nicht zuletzt unterhaltsamen Touch einer persönlichen Bewährungsprobe. Das Puzzle der biografischen Details und widersprüchlichen Ansichten will zusammengesetzt, das Rätsel der zerbrochenen Familie gelöst, die Versöhnung riskiert werden. Der Filmemacher ist vor der Kamera sichtbar, sein mit arglosem Gestus gesprochener Kommentar verknüpft die verzwickten Beziehungen und Zeitebenen und leitet zu historischen Zeugnissen aus dem Nachlass über. Eine Art Mind-Map der Familie gibt einen optischen Überblick über die Verwandtschaftsgrade. Und manchmal akzentuiert die Montage die Widerspenstigkeit der Befragten, indem die Sturköpfe quasi aus den Vignetten des Stammbaums heraus gegeneinander zu argumentieren scheinen.

Woher die Diskrepanzen? Der fortschrittsgläubige Sergej Tschachotin wurde nicht nur durch eine unruhige, ungesicherte Forscherexistenz und politische Leidenschaft zum Wanderleben gezwungen, er war auch ein Womanizer von großem Appetit, der fünf Mal heiratete und acht Söhne bekam. Wechselte er zu einer neuen Partnerin, nahm er den jüngsten Sohn mit, ließ die älteren bei ihren Müttern und brach die Kontakte ab. So kannte jeder der vier im Film vertretenen Söhne seinen Sergej in einer bestimmten historischen und persönlichen Phase und zeichnet folglich je nach dem Grad der Verletzung oder Zuwendung ein liebendes oder unversöhnliches Bild.

Die Hommage, der widerspenstigen Kooperation von Wenja, Eugen, Petja und Andrej abgetrotzt, gilt dem Wissenschaftler und politischen Aktivisten. Tschachotin studierte Medizin und Biologie, unter anderem auch in Deutschland. Als Student erlebte er in St. Petersburg 1902 die zaristische Verfolgung, nachdem er an Studentenprotesten teilgenommen hatte. Zur Zeit der Oktoberrevolution aus dem erzwungenen Exil zurückgekehrt nach Russland , geriet er in der Frage revolutionärer Gewalt in Streit mit Leo Trotzki und unterstützte während des folgenden Bürgerkriegs die Gegner der Bolschewisten. In den zwanziger Jahren setzte er seine Forschungsarbeit in Westeuropa fort, zwischen 1930 und 1933 auf Empfehlung von Albert Einstein vor allem am Kaiser-Wilhelm-Institut in Heidelberg. Tschachotin gilt heute aufgrund der Erfindung eines Verfahrens zur Manipulation lebender Zellen mithilfe ultravioletter Strahlung als ein Vorläufer der Laser- und Gentechnik, vor allem in der Krebsforschung.

Das zweite herausragende Wissensgebiet des sprachbegabten Russen war daneben die Massenpsychologie respektive deren methodische Anwendung zur politischen Agitation. Tschachotin kämpfte für den Aufbau der überparteilichen linken Eisernen Front gegen die NS-Massenorganisationen. Er entwickelte ein visuelles Emblem aus drei diagonalen Pfeilen, mit dem die Kämpfer der Eisernen Front die im Straßenbild allseits präsenten Hakenkreuze effektvoll durchstreichen sollten. Die Entlassung aus dem Kaiser-Wilhelm-Institut blieb nicht aus, Tschachotin flüchtete nach Dänemark und später nach Frankreich, wo er nach dem Einmarsch der deutschen Truppen mit seinem Sohn Eugen zeitweilig interniert wurde. Die letzten fünfzehn Jahre seines Lebens verbrachte er, noch zwei Mal verheiratet, mit Nesthäkchen Petja wieder in der Sowjetunion .

Sergej in der Urne , 2010 mit dem Preis des Münchener Dokumentarfilmfestivals ausgezeichnet, konzentriert sich einfühlsam auf die beeindruckenden Männer dieser Familie, ihre unterschiedlichen Weltbilder und Lebensentwürfe, in denen sich die komplexe Persönlichkeit ihres Vaters spiegelt und bricht. Die fünf Gattinnen Sergejs bleiben bloße Chimären ohne eigene Stimme und nähere biographische Charakterisierung. So scheinen auch nach Sergejs Bestattung noch immer unerlöste Gespenster durch diese dramatische Familie zu geistern.