ZEIT ONLINE:  Wie sind Sie auf das Thema Sexsucht gestoßen?

Steve McQueen:  Ich habe im Internet Berichte über Menschen gelesen, die regelmäßig Sex brauchen, um den Tag zu überstehen. Das fand ich sehr interessant, weil mir bisher, wenn ich über Süchte nachdachte, nie diese in den Sinn gekommen ist. Sie involviert ja zwangsläufig andere Menschen –  darin habe ich den Stoff für ein interessantes Drama gesehen.

ZEIT ONLINE: Wie unterscheidet sich diese Sucht von anderen?

McQueen: Ob Sex, Alkohol oder Drogen – jede Sucht ist gleich strukturiert. Es gibt keinen Unterschied bis auf das Ziel der Begierde, nach dem sich die Sucht ausrichtet.

ZEIT ONLINE: Haben Sie in der Vorbereitung auf den Film mit Betroffenen gesprochen?

McQueen: Ich habe mit drei Therapeuten in New York gesprochen, die als die kompetentesten Experten auf diesem Gebiet gelten. Über sie wurde dann auch der Kontakt zu Betroffenen hergestellt, die bereit waren, über ihre Sucht zu sprechen. Wir haben viele Interviews geführt und sehr gründlich recherchiert. Ich entwickle meine Drehbücher am liebsten aus eigenen Nachforschungen.

ZEIT ONLINE: Welche Art von Leere versucht Brandon durch seine Sucht nach Sex zu füllen?

McQueen: Wir haben im Film bewusst offengelassen, was genau Brandon in seinem Leben fehlt. Ich wollte, dass jeder Zuschauer sich selbst darüber Gedanken macht, was ihn in diese Sucht treibt. Dabei geht es nicht darum, die Sucht als etwas Geheimnisvolles oder Exotisches zu zeigen, sondern sie im Gegenteil für das Publikum zugänglicher zu machen.

ZEIT ONLINE: Brandon und seine Schwester Sissy haben denselben Familienhintergrund. Wie kommt es, dass sie ihre schlechten Kindheitserfahrungen so unterschiedlich kompensieren?

McQueen: Geschwister unterscheiden sich immer. Jeder geht mit seiner familiären Vergangenheit anders um. Sissy ist eine Künstlerin. Sie will geben, sich ausdrücken und das, was in ihr ist, nach außen kehren. Sie ist ein extrovertierter Mensch, der explodiert. Und Brandon ist ein introvertierter Typ, der implodiert.

ZEIT ONLINE: Warum bleibt die sicherlich keineswegs glückliche Vergangenheit der beiden im Dunkeln?

McQueen: Mir ging es weniger um die Ursachen von Brandons Sucht, als darum, wie er mit dieser Sucht umgeht. Die Folgen seiner familiären Vergangenheit waren mir wichtiger als die Vergangenheit selbst.


ZEIT ONLINE:
Was ist Scham für ein Gefühl?

McQueen: Es ist ein Gefühl tiefer Erniedrigung. In den Interviews mit Betroffenen bin ich immer wieder auf dieses Schamgefühl gestoßen, das dann auch zum Titel des Filmes wurde. Wenn die Sexsüchtigen aus ihren sexuellen Eskapaden zurück ins Leben treten und einen Moment der Klarheit haben, denken sie fast immer: "Was zum Teufel mach’ ich hier eigentlich?" Sie überfällt ein Gefühl der Peinlichkeit, weil sie sich haben gehenlassen. Um dieses tiefe Schamgefühl zu verdrängen, müssen sie sich gleich den nächsten sexuellen Kick holen.