Dem moritzbleibtreuen Grinsen lässt sich im jüngeren deutschen Kino so schwerlich entkommen wie Katja Riemanns blühender Haarpracht in den Neunzigern. Kaum eine Produktion, in der Bleibtreu nicht irgendwie mitspielt, meist als Gauner oder Draufgänger, und immer dieses Schwerenöterlächeln: Hoppla, hier bin ich, was kost' die Welt. In Dennis Gansels Die Vierte Macht vergeht ihm das nach etwa einer halben Stunde. Da versinkt Paul Jensen (Bleibtreu) bereits im Pfuhl russischer Politik.

Eigentlich sollte der Berliner Partyjournalist Paul einem Moskauer Magazin zu neuem Hochglanz verhelfen. Er feiert Champagnerpartys in orthodoxen Kirchen, begegnet leichten Mädchen und schweren Pelzmänteln, ehe sich hinter Russlands neureichem Glitzer eine schlecht beleuchtete Welt auftut. Eine der Intrigen und der Gewalt, in die Paul allmählich hineingerät. Er lernt die Regimekritikerin Katya sowie Willkür und den Zensurapparat der Regierung kennen. Und nach einem Bombenanschlag auf eine U-Bahn steckt er unversehens und unrasiert in einem Hochsicherheitsgefängnis, inmitten tschetschenischer Terroristen. Dort findet Paul nicht nur sein journalistisches Ethos wieder, sondern kommt auf die Spur einer Verschwörung, deren Hintergrund auf tatsächlichen Ereignissen beruht.

Die Geschichte spielt auf die Anschläge auf Moskauer Wohnhäuser in den späten neunziger Jahren an. Die russische Regierung benutzte die Attentate damals als Grund, den Krieg in Tschetschenien weiterzuführen. Bis heute halten sich die Gerüchte, der Geheimdienst habe die Anschläge selbst befohlen und den Hergang vertuscht. Der Zeitpunkt des Films könnte jedenfalls kaum besser sein: Just in der Woche, da Russland den einstigen Geheimdienstchef Wladimir Putin wieder zum Präsidenten gewählt hat, läuft der Film nun an, der allerhand aufbietet, damit aus einem deutschen Sriller ein internationaler Thriller wird: Explosionen, Reißschwenks, eine rätselhaft verhuschte Frau, Verfolgungsjagden auf morschen Industriehöfen, aalglatte Politiker und Spionagekampfmaschinen in Lederjacken, gedreht in Moskau und Kiew .


Leider entsteht aus Ambition allein nicht unbedingt ein guter Film. Zu stark spürt man die dramaturgischen Presswehen eines Regisseurs, der innerhalb der konventionellen, überraschungslosen Erzählstruktur noch Maximaltiefe erreichen will. So konstruiert er in die Polit-Story auch eine ostwestdeutsche Familiengeschichte, in Person von Pauls mysteriös verstorbenem DDR-Journalistenvater, der Marx und Engels las und mit dem Paul sich nie verstanden hat. Der Vater arbeitete bis zu seinem Tod an einer Enthüllung, die natürlich auch mit den Moskauer Anschlägen zu tun hatte. Und als hätte er es geahnt, dass eines fernen Tages der verlorene Sohn aus Westdeutschland seine alte Moskauer Wohnung beziehen werde, hat er ihm ein Rätsel hinterlassen, das zu seinen Recherchen führt.

Lösen darf der auf Umwegen zum Staatsfeind geläuterte Paul es erst, nachdem er dem Gefängnis entkommen ist, sein Foto an jeder Bushaltestelle hängt und er einen Agenten mit einem Zettelblock überwältigt hat (die Macht des Wortes), kurz, das Bedrohungsszenario um ihn soweit angeschwollen ist, dass Zeit ist für den verhängnisvollsten aller Thrillersätze: "Ich muss noch mal in meine Wohnung." Zum Glück bewachen Geheimdienste offensichtlich keine Hintertüren, sonst wäre der Film ja vorbei und man käme nicht in den Genuss weiterer Fertigbauteile aus staatlich geprüften Drehbuchseminaren. Zur Beziehung Vater-Sohn: "Ich wünschte, ich hätte ihn besser gekannt." Oder über den entflammten Revolutionsgeist: "Gab es nicht eine Zeit, in der Sie auch die Verhältnisse ändern wollten?" Wundert es da noch, dass ausgerechnet ein Stummfilm kürzlich mit Oscars überhäuft wurde?

Auf den treffendsten Satz muss der Zuschauer leider bis zum Schluss warten. Paul ist wieder in Berlin gelandet und seine Investigativstory gedruckt, da sagt er zum Taxifahrer am Flughafen, was gewiss für ein Leben ohne diesen Film gelten darf: "Danke, ich komm' zurecht."