ZEIT ONLINE: Herr Hündgen, am Samstag findet in Düsseldorf zum zweiten Mal der Deutsche Webvideopreis statt. Was hat sich im Vergleich zum vergangenen Jahr geändert?

Markus Hündgen: Der Webvideopreis ist professioneller geworden. Im vergangenen Jahr haben wir in zehn Wochen aus Lust und Laune heraus die Veranstaltung neben dem Videocamp aufgezogen. Das geht angesichts der Größe diesmal nicht mehr. Der Webvideopreis ist inzwischen eine eigene Unternehmung mit einer GmbH dahinter, die das Ziel hat, das Format nachhaltig und professionell aufzusetzen. Ziel war es auch, dass die Veranstaltung künftig nicht mehr so stark an bestimmte Personen gebunden ist.

ZEIT ONLINE: Wie ist die Resonanz?

Hündgen: 2011 hatten wir knapp 4.000 Einreichungen, in diesem Jahr sind es exakt 6.752. Bei den abgegebenen Stimmen bewegen wir uns aktuell im fünfstelligen Bereich. Das ist ungefähr wie letztes Jahr, allerdings muss man sich dieses Mal zunächst anmelden, bevor man abstimmen kann. Die Hürde ist also größer in diesem Jahr, weswegen wir mit dem Feedback insgesamt sehr zufrieden sind.

ZEIT ONLINE: Für den diesjährigen Preis haben Sie die Kategorien überarbeitet, um sie an das Medium Webvideo anzupassen. Welche Idee steckt dahinter?

Hündgen: Es soll jedenfalls keine Anbiederung an die Jugendsprache sein. Das Konzept ist angelehnt an den US-Netzphilosophen Bruce Sterling und seinen Vortrag über "Vernacular Video" . Es besagt, dass neue Medien nicht bestehende Begrifflichkeiten und Formeln übernehmen dürfen. Sie müssen vielmehr im Sinne des neuen Mediums angepasst werden. Was nun Webvideo vom industrialisierten Fernsehen unterscheidet, ist zunächst einmal das Auflösen von Kategorien – wo fängt eine Reportage an, wo hört eine Dokumentation auf? Viele Nutzer können das gar nicht richtig unterscheiden. Deswegen wollten wir ein Vokabular finden, was den neuen Gewohnheiten der Internetnutzer gerecht wird. Wir haben uns an den Hashtags von Twitter orientiert: Was würden die Nutzer für einen Hashtag wählen, wenn sie dieses Video hochladen? Da kommen dann eben Begriffe wie "LOL" oder "FYI" heraus.

ZEIT ONLINE: Wie wählt man als Jury die mutmaßlich besten Einsendungen aus? Funktionieren hier klassische Gradmesser wie Aufnahmequalität, Schnitt oder Story überhaupt?

Hündgen: Eines der nominierten Videos zeigt acht Sekunden lang einen Menschen , der mit einem Lampenschirm Ziehharmonika spielt. Das würde niemals irgendwo im Fernsehen ernsthaft gezeigt werden. Und doch haben alle beim Anschauen gelacht. Darum geht es bei Webvideo: Man muss sich von den professionellen, teilweise auch angelernten, Wertemustern trennen. Viele junge Zuschauer, und damit die Produzenten von morgen, kennen diese Qualitätsstandards gar nicht mehr. Sie bewerten ein Video nicht mehr danach, ob es mit der Handykamera oder einer Filmkamera aufgenommen wurde oder ob Sound und Schnitt perfekt sind.

ZEIT ONLINE : Es findet also auch ein anderes Rezeptionsverhalten statt?

Hündgen : Ja, Webvideo zeigt eine Verschiebung von der Bewertung der "Verpackung" hin zur Frage, wie es eigentlich auf den Zuschauer wirkt. Der Konsum von Bewegtbildern im Netz ist viel empathischer: Ein Video kann eine miserable Qualität haben und selbst bekannte YouTuber benutzen keine professionellen Mikrofone. Das macht nichts, denn der teilweise schrottige Ton stört niemanden, solange die Zuschauer sehen, dass der Macher oder die Macherin viel Arbeit und Leidenschaft hineingesteckt hat. Und die Botschaft des Videos rüberkommt.

ZEIT ONLINE: Wie schätzen Sie die Entwicklung der deutschen Webvideoszene ein?

Hündgen : Es ist immer schwierig, von einer deutschen Szene zu sprechen. Der Großteil von Webvideo spielt sich auf YouTube ab und ist international verfügbar. Sicherlich sind in Deutschland viele Sachen von den amerikanischen YouTubern geprägt. Wir hinken da auch etwas hinterher; es wird viel abgeguckt, Formate werden kopiert und Eigeninnovationen halten sich noch in Grenzen. Das ist aber jetzt noch nicht schlimm und auch in anderen Bereichen der Internetwirtschaft so. Ein junger Markt bietet Chancen, und Deutschland gehört zu einem der größten potenziellen Märkte für Webvideo.