Ein irrer König, seine blutjunge Frau und dazu ein idealistischer Kerl, der die Welt verbessern will, aber in Liebe zur schönen Königin entbrennt. Kein Wunder, dass sich der dänische Regisseur und Drehbuchautor Nikolaj Arcel gefragt hat: "Warum ist das noch nie verfilmt worden?" Denn die royale Dreiecksgeschichte zu Zeiten der Aufklärung ist wahr, in Dänemark kennt sie jedes Kind: 1769 kommt der Altonaer Armenarzt und Aufklärer Johann Friedrich Struensee an den Hof des dänischen Königs Christian VII. Der leidet unter Depressionen und Manien und schenkt Struensee nach und nach erst sein Vertrauen, dann alle wichtigen Ministerposten und zu guter Letzt seine eigene Frau. Das und ihre hochgesteckten politischen Ideale müssen die beiden Liebenden am Ende teuer bezahlen.

Auf der Berlinale wurde das Drehbuch zu Die Königin und ihr Leibarzt mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet. Arcel hat es zusammen mit Rasmus Heisterberg geschrieben und sich dabei ein wenig vom genial-terriblen Lars von Trier beraten lassen. Dem hatte er zuvor in dessen Drama Antichrist als Script-Doctor zur Seite gestanden. Arcel vernachlässigt in seiner Geschichte die politische Brisanz des Stoffes: Zwanzig Jahre vor der Französischen Revolution proben die Dänen unter Struensee einen modernen Gesellschaftsvertrag. Der Adel wird entmachtet, das Volk bekommt ein neues Schulwesen und die Presse wird von der Zensur befreit. Der aufklärerische Spuk endet mit Struensee, und Dänemark fällt noch einmal für Jahre in den alten Absolutismus zurück.

Doch Arcel konzentriert sich auf die Gefühle dieser verrückten Ménage à trois. Denn das ist es: Die Liebenden grenzen den labilen König nicht aus, sondern bleiben ihm verbunden. Man spürt Struensees tiefes Verständnis, das er als Arzt der geschundenen Psyche Christians entgegenbringt. Wenn er den König im Kabinett zum Durchsetzen seiner eigenen Ideen einspannt, wirkt das nicht wie ein intrigantes Ausnutzen, sondern wie der Kampf zweier verlorener Seelen für Veränderung. "Sie halten mich für verrückt", flüstert der geisteskranke König einmal Struensee vertraulich zu. Doch der ist nicht minder verrückt, wenn er hofft, dass er alles haben kann: eine bessere Welt und die Frau des Königs.


Mads Mikkelsen, der dänische Großstar , und Mikkel Følsgaard, der gerade erst seine Schauspielausbildung abschließt, bilden dieses perfekte Paar. Følsgaard spielt den König als einen heillos überforderten jungen Mann, der sich zwar über weite Strecken an seine Rolle als absolutistischer Regent hält, dessen Ausraster aber umso unvorhersehbarer und bedrohlicher wirken. Man spürt ohne unnötig erklärende Dialoge, welch unbarmherzige Kindheit er verbringen musste – mit drei starb seine Mutter und er kam in die Obhut einer Stiefmutter, die ihren eigenen Sohn bevorzugte, sowie eines sadistischen Erziehers, der den sensiblen Jungen stundenlang in dunkle Kammern sperrte, um ihn gefügig zu machen. Mit 19 Jahren, Christian ist bereits seit zwei Jahren auf dem Thron, findet er in Struensee das erste Mal einen Vertrauten. Beide sind Fremde an diesem Hof.

Die ungewöhnliche Verbindung verliert ihre Grundlage, als Struensee Christian mit dessen Frau hintergeht. Eines Nachts erkennt der König den Betrug und rast, irre ob dieses besonders schmerzhaften Verrats. Mikkelsen alias Struensee muss ihn beruhigen, blickt dem König fest ins Gesicht und schwört die Unwahrheit. Wie Mikkelsen dabei kaum wahrnehmbar die Augen weitet, da blitzt blanke Angst auf. Følsgaard erhielt auf der Berlinale den Silbernen Bären als bester Darsteller . Mikkelsen hätte ihn ebenso verdient.

Alicia Vikander spielt die junge Königin Caroline, an der alles zerbrechen muss. Im vergangenen Jahr wurde sie – ebenfalls auf der Berlinale – als bester europäischer Nachwuchsstar ausgezeichnet. Auch die Geschichte ihrer Figur ist aus heutiger Sicht eine unglaubliche: Mit 15 Jahren wurde sie verheiratet an einen fremden Mann an einem fremden Hof. Aber die Drehbuchschreiber waren klug genug, diese so weit wie möglich auszusparen und sich ganz auf die Gefühle einer jungen, intelligenten Frau zu konzentrieren, die unglücklich verheiratet ist und sich leidenschaftlich verliebt.

So entstand ein konventionell gedrehter Film mit freilich perfekter Ausstattung. Die Kleider sind eine Augenfreude ohne jene absolutistischen Extravaganzen, wie sie Sofia Coppola in ihrer Marie Antoinette einst so rauschend inszenierte. Die Drehorte, für die das Team bis nach Tschechien reiste, zeigen einen Hof, der bemerkenswert intim wirkt. Die Kamera konzentriert sich am liebsten auf die Gesichter und Körper. Einmal findet ein Maskenball statt. Wir erhaschen Bilder von kostümierten Menschen und ausladenden Buffets, doch schon fokussiert die Kamera auf eine Männerhand, an die sich ganz langsam und zart die Hand Carolines schmiegt. Man tanzt Menuett, doch der Zuschauer ahnt, dass die abgezirkelten Figuren diese Leidenschaft nicht bändigen werden können.

Das zeichnet Die Königin und ihr Leibarzt aus: Es ist ein Liebesdrama von wahrlich königlicher Fallhöhe, das drei wunderbare Darsteller ganz menschlich werden lassen.