Ein Kuss mit dem niemand gerechnet hat, nicht einmal die Küssende selbst – das hat Folgen und ist daher grundsätzlich eine gute Idee für eine Erzählung. David Foenkinos hat damit in Frankreich einen Bestseller geschrieben, der sich auch in Deutschland bestens verkauft. Nathalie küsst ist die Geschichte einer jungen Frau, Nathalie, die jahrelang nicht über den Tod ihres geliebten Mannes hinwegkommt, bis sie ihrem Leben mit dem unüberlegten Kuss eine völlig neue Richtung gibt.

Der Roman ist etwas für Freunde der zarten Empfindung und Anhänger der romantischen Liebe und hat durchaus seinen Reiz, weil der bittere Beginn (der Unfalltod der großen Liebe) und der Neuanfang (die überraschende Beziehung zum unscheinbaren Kollegen) mit großer Leichtigkeit erzählt werden. Immer wieder unterbricht der Autor Foenkinos seine eigene Erzählung durch Einschübe. Er schweift ab zu Risotto-Rezepten und Fußballergebnissen, gibt Aphorismen zum Besten und spekuliert über die Titel von Alben John Lennons, die dieser noch veröffentlicht hätte, wäre er nicht 1980 gestorben. Manche nennen solche Bücher "zauberhaft".

Nun hat Foenkinos seinen Erfolg selbst ins Kino gebracht. Er hat seinen Roman in ein Drehbuch umgeschrieben und gemeinsam mit seinem Bruder Stéphane Regie geführt. Zwar beteuert er, er habe für die Filmgeschichte neue Einfälle gehabt. Im Ergebnis ist es aber eine ziemlich exakte Übersetzung von Nathalie küsst . Ganze Textpassagen finden sich wörtlich wieder. Es gibt sogar einen Erzähler.


Sicher, der Film hat Schwächen. Wie Foenkinos Nathalie trauern lässt, ist sehr weit entfernt von jeder Wahrhaftigkeit. Während er sich im Roman Zeit nimmt, um auf mehreren Seiten Nathalies schmerzendes Innenleben nach dem Unfall zu beobachten, muss im Film eine einzige unglaubwürdige Szene ausreichen, in der Nathalie alle persönlichen Gegenstände ihres Mannes in einen Müllsack stopft und in die Tonne kippt.

In seinen besten Momenten ist es David Foenkinos jedoch gelungen, etwas vom Charme seines spielerischen, collagen-artigen Schreibstils ins Filmische zu übertragen. Es gibt hübsche Ideen, wie er die Zeit über Jahre springen lässt und damit die Schwierigkeit meistert, in nur 25 Filmminuten eine große Liebe entstehen und gleich wieder sterben zu lassen.

Da erzählt die Freundin, sie sei schwanger, und mit nur einem Schwenk der Kamera läuft ihr schon ein dreijähriges Mädchen in die Arme. Und es gibt eine Szene, die so perfekt choreografiert ist, dass Nathalie ohne Schnitt als kleines Kind, als Jugendliche, als Liebende und als Trauernde durch einen Garten geht.

Auch verleiht François Damiens manchem Satz des überraschend Geküssten mehr Komik als die gedruckte Textzeile das kann: "Ihr Haar ist wundervoll. Am liebsten würde ich Ferien in Ihrem Haar machen", sagt er. Damiens ( Nichts zu verzollen ) verkörpert den unscheinbaren Kollegen Markus so überzeugend, dass dessen Unbeholfenheit den Zuschauer fast schmerzt. Und natürlich passen zu so viel zarter Liebe ganz vorzüglich die dunkelgroßen Augen einer Audrey Tautou . Die spielt einmal mehr die Niedliche und man wünscht ihr nur einen Regisseur, der sie endlich aus diesem Käfig der Putzigkeit entlässt.

Aber Nathalie küsst ist eben die Verfilmung von Nathalie küsst : eher etwas für Naschkatzen.