Warum reist ein 85-jähriger US-Entertainer durch die Welt, um sich überall für mehr Menschlichkeit einzusetzen? Wenn es sich dabei um Harry Belafonte handelt, kommt man nicht umhin, diese Frage in einem politischen Kontext zu sehen. Die dokumentarische Biografie der amerikanischen Regisseurin Susanne Rostock zeigt die persönlichen Reflexionen Belafontes auf jene Ereignisse der Weltpolitik, die das Leben des Künstlers und Familienvaters in den vergangenen 60 Jahren beeinflusst haben.

Der in Harlem der späten zwanziger Jahre geborene Belafonte wollte nie ein Sänger sein und spricht noch heute von sich als Schauspieler. Nach eigenen Worten hatte er seine erste "große Offenbarung" über die "universelle Kraft der Musik" am Theater. Dort trifft er als Student im Dramatic Workshop der New School for Social Research Künstlerkollegen und lebenslange Freunde wie Tony Curtis, Marlon Brando oder den Musiker und Schauspieler Paul Robeson, dessen Eintreten für die amerikanische Bürgerrechtsbewegung Belafonte entscheidend beeinflusste. Nach Auftritten im renommierten Jazz-Club Village Vanguard in New York steigt er vom Calypso-Star zu einem vielseitigen und vielfach ausgezeichneten Weltmusiker auf, der seine Popularität nutzt, um seinen politischen Anliegen Gehör zu verschaffen.

Sing your song kombiniert geschickt Archivmaterial, Interviews mit Zeitzeugen wie Sidney Portier, Miriam Makeba oder Quincy Jones sowie persönliche Erinnerungen Belafontes zu einem vielschichtigen Porträt über ihn als politischer Aktivist, Künstler und Familienvater.

Obwohl sich der von Belafonte und seiner Tochter Gina mitproduzierte Film bewusst auf seinen noch heute andauernden Kampf für die Menschenrechte konzentriert, lässt er genügend Raum für private Einsichten.


Nach dem Scheitern seiner ersten Ehe – aus der die Kinder Shari Belafonte und Adrienne Biesemeyer hervorgehen – heiratet Belafonte 1957 die weiße Tänzerin und Schauspielerin Julie Robinson und löst damit einen Sturm der Empörung unter weißen wie schwarzen Amerikanern aus. Immer wieder widersetzt sich Belafonte der vorherrschenden Rassendiskriminierung – egal aus welcher Ecke sie kommt. Ob er in den fünfziger Jahren als einer der Ersten mit einer gemischten Band im Süden auftritt, TV-Shows beendet, weil in ihnen nur schwarze Künstler auftreten sollen oder in Los Angeles in einen Swimmingpool für Weiße springt.

Wie er 1954 als erster Afro-Amerikaner den Emmy für seine TV-Show Tonight with Belafonte gewinnen konnte und zu einer der führenden Persönlichkeiten der schwarzen Bürgerrechtsbewegung an der Seite von Martin Luther King wurde, versucht der Film mit einer recht schlichten Formel zu erklären: Charme und großes Herz plus Bestimmtheit und Engagement.

Das zu belegen, reiht die Regisseurin Rostock ein politisches Weltereignis nach dem anderen chronologisch aneinander und zeigt dabei, nicht nur einen politisch engagierten, sondern auch emotional involvierten Harry Belafonte. Seine Wut und Betroffenheit über Missstände und Ungerechtigkeiten auf der ganzen Welt stehen ihm ins Gesicht geschrieben. Belafontes Verletzlichkeit wird besonders in seinem Verhältnis zu seinen Kindern und im Engagement für Kinder und Jugendliche im amerikanischen Strafvollzug sichtbar.

Sing your song ist ein Stück weit Selbstdefinition und Lebensbetrachtung Belafontes, den es nach eigenen Angaben immer wieder dahin zieht, "wo die Menschen um Gerechtigkeit kämpfen". Aber er ist auch ein glaubwürdiges und authentisches Plädoyer für gegenseitiges Verständnis und mehr Menschlichkeit in der Welt.