ZEIT ONLINE: Frau Baumeister, war Georg Trakl für Sie noch ein unbeschriebenes Blatt, als Sie die Rolle der Grete Trakl bekamen?

Peri Baumeister: Ich habe ihn in der Schule durchgenommen. Und obwohl ich nicht die alleraufmerksamste Schülerin war, konnte ich mich sehr gut an ihn erinnern. Ich habe schon immer gerne Gedichte gelesen und weiß noch, dass ich damals zu Hause saß und über diesen Gedichten hing.

ZEIT ONLINE: Tabu ist Ihre erste Rolle in einem Kinofilm. Wie ist Regisseur Christoph Stark auf Sie gestoßen? 

Baumeister: Sie haben viel gecastet, aber keine Hauptdarstellerin gefunden. Relativ verzweifelt haben sie sich dann gesagt: Gucken wir mal, was an den Schauspielschulen kreucht und fleucht. Ich war im dritten Jahr auf der Theater-Akademie August Everding in München und bekam so mein erstes Angebot, überhaupt zu einem Casting zu gehen. Es war Ostersonntag, ich wollte eigentlich zu meiner Familie nach Hause fahren und war ehrlich gesagt gar nicht begeistert davon, jetzt nicht fahren zu können. Als Stark mich zwei Wochen später anrief und mir zusagte, bin ich aus allen Wolken gefallen, wirklich aus allen.

ZEIT ONLINE: Beim Saarbrücker Max Ophüls-Festival im Januar bekamen Sie für Ihre Darstellung den Preis als beste Nachwuchsdarstellerin. Die Jury befand, Sie verkörperten "die Suche einer verletzlichen Frau auf der Suche nach sich selbst in vielen Facetten". Welche dieser Facetten waren Ihnen besonders wichtig?

Baumeister: Ich glaube, es gibt nichts Uninteressanteres, als einen Schauspieler zu sehen, der immer weiß, was er als Nächstes zu sagen hat, der immer weiß, wie's geht. Ich habe – und das war mein größter Schritt – genau das nicht getan: Ich habe nicht nach Facetten gesucht, ich habe nicht gesagt, so will ich spielen. Sondern ich habe mich reingeworfen, und es hat getragen. Grete vereint viele gegeneinander wirkende Kräfte in sich: das Kindlich-Sein, einen romantischen, ursprünglichen Glauben an die Liebe, die Sehnsucht  nach dem Verschmelzen mit einem anderen Menschen einerseits, andererseits die selbstzerstörerische Kraft und Willensstärke.

ZEIT ONLINE: Ihr Partner, Lars Eidinger, der den Georg spielt, wusste offenbar auch nicht immer, wo's langgeht. Das hat Christoph Stark jedenfalls bei der Österreich-Premiere des Films in Graz erzählt.

Baumeister: Ja, weil die Abgründe seiner Figur groß sind, und kein Schauspieler hat alles, was er spielt, in seinem Leben erlebt. Ich finde es auch unangemessen, daraus schöpfen zu wollen!

Wir haben eine Familienaufstellung gemacht und versucht, die Themen, die in diesem Film verborgen liegen – Missbrauchsstrukturen zum Beispiel – herauszufinden. Man entwickelt dabei enorme, komische Energien. Danach hatte man das Gefühl, man spielt nicht einfach irgendwas, sondern es hat eine Verankerung. Ich spürte beispielsweise Aggression, wenn mein "Bruder" mich nicht anguckte oder mit meiner "Mutter" redete. Ich stand da wie so'n kleiner Pitbull.