Und wenn alles um mich herum allein für mich inszeniert wurde? Wenn ich der Einzige bin, der wirklich existiert, und die anderen nur ihren Dienst tun, solange ich anwesend bin? Irgendwann, kurz nachdem man gelernt hat, ein bisschen weiter zu denken, aber noch größenwahnsinnig genug ist, eine solche Inszenierung für möglich zu halten, streift einen dieser Gedanke und lässt einen erschaudern. Der französische Regisseur Leos Carax ( Die Liebenden von Pont-Neuf , Pola X ) hat ihn nun in einen Film verwandelt: irre, komisch, klug und wunderschön.

Holy Motors heißt er und zitiert damit die riesigen Leuchtbuchstaben über dem Parkhaus, in dem nachts die Stretchlimousinen auf den kommenden Morgen warten. In der Dämmerung kommen die Chauffeure und fahren sie zu... tja, zu wem fahren sie eigentlich?

Zu Monsieur Oscar, sollte man meinen. Kurz nach Sonnenaufgang verlässt er sein Anwesen, ein einflussreicher Mann, vermutlich Bankier. Ein kleines Kind winkt ihm nach, "Viel Erfolg" ruft es. Dann steigt der Mann in die Limousine, die bereits auf ihn wartet. Céline, die Fahrerin (Édith Scob), öffnet ihm die Tür und gibt durch, dass heute neun Termine anstehen. Die Akte für den ersten liegt schon auf den Lederpolstern bereit. Monsieur Oscar sieht sie kurz durch und beginnt dann, eine graue Langhaarperücke zu bürsten. Zu seinem ersten "Termin" wird er als Bettlerin erscheinen.

Leos Carax verfilmt zwar eine zutiefst verstörende Idee, verleiht ihr aber so viel Poesie und Humor, dass man sich gern auf das Experiment einlässt. Bis zum Ende seines Arbeitstages tief in der Nacht werden wir diesen Monsieur Oscar begleiten und dabei sein, wie er all seine Aufträge abarbeitet.

Nach der Bettlerin wird er zum Tänzer in einem Motion Capture Studio, wo er eine Sexszene für einen Fantasy-Videoclip aufnimmt. Danach schminkt er sich in der Limousine zum Monster um. Das ist Carax' erklärte Lieblingsfigur. Er nennt sie "Monsieur Merde" und schickt sie über einen Friedhof zu einem lächerlichen Mode-Shooting. Eva Mendes spielt die Schöne. Das Biest alias Monsieur Oscar schleppt sie in die Kanalisation von Paris .

Danach holt er seine Tochter ab.

Unglaublicherweise schafft es Carax, diesen halluzinatorischen Plot zusammenzuhalten. Da ist Céline, die treue Chauffeurin, die Limousine selbst, die – wie sich zeigen wird – durchaus als weitere Figur in Betracht kommt. Einmal wird eine "Agentur" erwähnt. Sie regelt offensichtlich die "Termine". Alles andere jedoch – vor allem die große Frage: Warum? – wird nicht erklärt. Diese Welt des Leos Carax ist hinzunehmen.

Die Sterblichkeit ist auf der Strecke geblieben

Das Einzige, was uns sicher erscheint, ist die Figur des Monsieur Oscar. Denis Lavant spielt ihn und verleiht dieser unwahrscheinlichen Figur Echtheit. Sein athletischer Körper scheint der eines Jahrmarkt-Artisten zu sein – was könnte besser passen.

Nach einem seiner Aufträge wartet im Auto ein Mann: Michel Piccoli. Ein Auftraggeber? Ein Kollege? Auf die Frage Monsieur Oscars, ob sie denn nicht alle paranoid werden, antwortet er: "Sind Sie das nicht schon? Ich ja, sehr. Ich war zum Beispiel immer davon überzeugt, dass ich eines Tages sterben würde."

Das ist in der parallelen Wirklichkeit von Holy Motors offensichtlich nicht mehr möglich. Die Sterblichkeit ist auf der Strecke geblieben, irgendwo zwischen den vielen bruchstückhaft gelebten Leben. Einmal wird Monsieur Oscar ermordet. Es ist eine Schlüsselszene.

Monsieur Oscar hat sich zum Auftragskiller hergerichtet: Glatze, Schnauzer, dicke Halskette. Sein Opfer trägt dicke schwarze Haare, einen Vollbart und Brille. Es ist er selbst: Monsieur Oscar in einer weiteren Rolle. Nur noch kurz streift einen zu diesem Zeitpunkt der Gedanke, dass hier ein Widerspruch zum Zeit-Raum-Gefüge vorliegt. Fasziniert folgt man der Vorstellung, dass es genau so ist.

Monsieur Oscar mit Glatze ersticht also Monsieur Oscar mit Vollbart und macht ihn dann zurecht: Er schert ihm eine Glatze, rasiert den Bart zum Schnauzer, legt ihm die eigene dicke Halskette um. Da erwacht der Totgeglaubte wieder. Monsieur Oscar bringt noch einmal Monsieur Oscar um und kehrt dann sterbend zum Auto zurück. Céline kann ihn nur unter größten Anstrengungen hineinhieven.

Drinnen warten die Abschminkpaste und die Unterlagen für den nächsten Auftrag.

Holy Motors ist voller Momente großer Verstörung. Und irgendwann bekommt man den dringenden Eindruck, dass sich dieser Monsieur Oscar nach nichts mehr sehnt, als nach einem Ich, das ihm ganz allein gehört. " Who were we ", singt Kylie Minogue in einer der zartesten Szenen für ihn.

Wie gesagt: Leos Carax' Holy Motors ist ebenso irre wie weise. Oder in den Worten von Monsieur Merde: " Aglouglia! Alk tsuet tsuet kerotût xeuhhi-vi aass! "