Dschenin (engl. Jenin) – eine Stadt im Westjordanland hat ein Kino. Doch nichts an dem alten, zerfallenen Gebäude im Bauhaus-Design erinnert an jene Zeiten, als junge Frauen noch in kurzen Röcken kamen, um sich dort Filme aus aller Welt anzuschauen.

Dem deutschen Dokumentarfilmer Marcus Vetter ist Dschenin, die ehemalige Hochburg der Hamas und Kampfschauplatz der Intifadas nicht unbekannt. Sein mehrfach ausgezeichneter Film Das Herz von Jenin erzählt die Geschichte des Palästinensers Ismael Khatib, der im angeschlossenen Flüchtlingslager lebt. Ismaels elfjähriger Sohn wurde während der verstärkten Belagerung Deschenins durch den Kopfschuss eines israelischen Soldaten getötet. Die Organe seines Sohnes spendete Ismael damals fünf israelischen Kindern.

Mit seinem dokumentarisch beschriebenen Projekt Cinema Jenin geht Marcus Vetter nun einen Schritt weiter – wird vom filmischen Beobachter auch zum involvierten Akteur seines im Jahr 2008 initiierten gleichnamigen "kulturellen Projektes". Gemeinsam mit Fakhri Hamad, dem Dolmetscher Ismaels und Ismael Khatib beschließt Vetter, mit einer Gruppe von enthusiastischen Einheimischen und internationalen Unterstützern das Kino wieder aufzubauen.

Hier setzt der Film ein. Poetisch inszeniert Vetter zunächst die Ruine des Kinos; Tauben, die fast metaphorisch als Friedenssymbol im Dachgiebel thronen. Im Weiteren bleibt er dann aber unpathetisch und gelassen in der filmischen Darstellung. Dokumentiert sachlich, manchmal mit einem Augenzwinkern den zweijährigen Kampf um das Kino – bis zu dessen Wiedereröffnung im August 2010. Vor allem an den Widerständen aus allen Richtungen der palästinensischen Bevölkerung zeigt Cinema Jenin, dass der Wunsch nach Frieden noch tief unter der Suche nach Identität und Rückgewinnung eines nationalen Stolzes verschüttet ist.

Der Film über das rund eine Million Euro teure Projekt, das unter anderem vom Premierminister Salam Fayyad, der deutschen Bundesregierung und dem Gründungsvater von Pink Floyd, Roger Waters, unterstützt wird, ist dem israelischen Schauspieler, Filmregisseur und politischen Aktivisten Juliano Mer-Khanis gewidmet. Er ist einer der Protagonisten in Cinema Jenin und wird während der Arbeiten am Film ermordet.

Marcus Vetter hat gut daran getan, seiner Dokumentation die Form eines filmischen Tagebuches zu geben. Die chronologische Reihenfolge, mit der er sich seinem nicht immer nachvollziehbaren und als unpolitisch deklarierten Ziel "nur gute Filme in Dschenin zeigen zu wollen" nähert, gibt dem Wechselspiel zwischen politischen Meinungsäußerungen seiner Mitstreiter und den Ereignissen im Westjordanland bis 2010 einen festen Erzählrahmen. Es bedarf dennoch einiger Kenntnisse über die historischen Stationen des Israelisch-Palästinensischen Konfliktes damit dem Zuschauer sowohl die Brisanz einzelner Teilabschnitte des Projektes als auch die Komik in einigen Szenen des Filmes nicht verborgen bleiben. Wünschenswert wären tiefere Einblicke in das Leben der Protagonisten, um den Kontext ihrer Verhaltensweisen und Entscheidungen – auch emotional – besser verstehen zu können. Besonders, wenn man Vetters Anspruch folgen möchte: "Kino als Zeichen der Leidenschaft für den Film" in Dschenin zu etablieren.

Auch wenn Cinema Jenin nach Wunsch des Regisseurs nicht als "aktivistisches Kino für die palästinensische Sache" verstanden werden soll, so zeigt sein Film doch, dass in einer Stadt wie Dschenin das Etablieren eines Stückes Normalität, wie eben die eines Kinos, sehr wohl zu einem politischen Symbol wird. 

Am Ende des Films bleibt die Zukunft des Cinema Jenin – genau wie die Palästinas – ungewiss.