Nicht nur die Zeit knistert, wenn Schlingensief den Raum betritt, es knistert auch auf der Baustelle, es bleibt eine schwierige, riskante Unternehmung. Schlingensiefs Frau (niemand sagt Witwe), Aino Laberenz , führt sie mit unfasslicher Liebe, Kraft und Geduld weiter. 

Der Film geht irgendwann zu sehr in die Länge, dreht sich im Kreis. Er hat nichts Neues mehr zu erzählen, die älteren Geschichten, die Volksbühne usw., stehen hier nicht zur Debatte. Etwas Theaterarbeit gibt es doch, Ausschnitte aus den Proben zu Via Intolleranza , Schlingensiefs letzter Inszenierung. Zum Brüllen komisch, wie er einem afrikanischen Rapper beibringen will, die Wörter klarer zu betonen. Da spürt man die kulturelle Differenz, die Hierarchie, die hier herrscht, wie in jeder künstlerischen Produktion.

Das Musiktheater Via Intolleranza war für die Zuschauer hierzulande eine Geduldsprobe. Und ein wenig erlebt man das auch so in diesem bewegenden Film. Der sterbende Künstler ist zu nah – und dann wieder zu weit weg. Sibylle Dahrendorf, und da geht es ihr wie vielen, will einfach nicht, dass es zu Ende ist. Der Film bleibt in Afrika, er geht nicht nach Deutschland, kümmert sich nicht um einen Kulturbetrieb, in dem Christoph Schlingensief heftig vermisst wird.

Bald jährt sich sein Todestag zum zweiten Mal, was man auch nicht glauben mag. Denn dieses Knistern hat nie ganz aufgehört. Wunderbare Helfer reisen nach wie vor nach Burkina Faso, um das Operndorf voranzubringen. Es ist schrecklich heiß dort, die Reise beschwerlich. Die Mitglieder des Beirats nehmen das auf sich. Man muss Schlingensief nicht zur heiligen Figur verklären – aber seine Aura wirkt fort. Sie ist nicht mit ihm gestorben. Nach dem Sommer soll nun bei Kiepenheuer & Witsch seine Autobiografie erscheinen. Aino Laberenz bearbeitet das Material, den schriftlichen Nachlass. Und Anfang 2013 soll eine Schlingensief-Ausstellung in den Berliner Kunst-Werken eingerichtet werden. Keine Retrospektive, aber etwas Umfassendes, wie man hört.

So kann man dieses Knistern der Zeit beschreiben: Es ist das Gefühl, das einen nie mehr verlässt, wenn man einmal mit einer Künstlernaturgewalt in Berührung gekommen ist. Es hat etwas mit Elektrizität zu tun. Es kommt von der Spannung, wenn ein Mensch seine Lebensspanne derart auflädt wie Christoph Schlingensief, der bis nach Afrika läuft, um den Tod abzuhängen.

Erschienen im Tagesspiegel