Wie gehen Gesellschaften mit Katastrophen um? Die Frage trieb die österreichischen Künstler Edgar Honetschläger und Sylvia Eckermann um, als sie ihr Social-Media-Filmprojekt Sound of Sirens (SOS) starteten. Das Fallbeispiel ist dabei der Tsunami und die Atomreaktorkatastrophe vom 11. März 2011 in Japan. Seit dem Jahrestag und noch bis zum 11. Juli können Menschen weltweit ihre Erinnerungen und Gedanken zu Fukushima auf die Plattform Sound of Sirens laden. Aus den Beiträgen will Honetschläger einen Dokumentarfilm und zusammen mit dem römischen Komponisten Simone Santi Gubini eine Oper machen.

Eine Kamera klebt am Fenster eines Autos und fängt zittrig die Landschaft um das Atomkraftwerk Fukushima ein Jahr nach der Katastrophe ein. Eine Japanerin, die ihr Gesicht nicht zeigt, erzählt, dass sie sich nun, nach Fukushima, mit der Frage der Atomenergie beschäftigt. Auch eine amerikanische Antiatomenergie-Initiative schickt einen Film, der jetzt auf SOS neben einer Fukushima-Kunstaktion in der Kunsthalle Düsseldorf zu sehen ist. Ein deutscher Filmemacher erzählt eine abgefahrene Liebesgeschichte, die am Areal von Fukushima spielt, und ein kleiner japanischer Junge stellt sich vor, wie man die Radioaktivität bannen könnte: eine riesige Glaskuppel über Japan bauen.

Rund 30 Beiträge wurden bisher hochgeladen, sehr persönliche Filme ebenso wie dokumentarische oder künstlerische. Die Zugriffszahlen seien bemerkenswert, aber die Uploads noch zu mager, um daraus den angedachten Film zu machen. Vor allem die Japaner halten sich zurück. Honetschläger, der 20 Jahre in Tokio lebte, überrascht diese Zurückhaltung nicht: "Eins der Dinge, die mich über den gesamten Zeitraum meines dortigen Lebens furchtbar gestört hat, war, dass fast alle, die ich kannte, vollkommen unpolitisch sind. Auch die Künstler. Wenn Wahlen in Tokio oder in Japan stattfanden, kannte ich niemanden, der hinging. Aber jetzt plötzlich kann man in Japan sehen, wenn man nicht nur den großen Medien, sondern auch Twitter, Youtube oder hoffentlich auch uns folgt, dass die kritischen Stimmen lauter werden, dass die Anti-Nuklear-Bewegung in Japan zusehends an Kraft gewinnt." Diese Kraft möchte SOS einfangen und zum offenen Diskussionsprozess über die Katastrophe und die Folgen der Atomenergiegewinnung anregen.

Sound of Sirens ist ein politisch-künstlerisches Vorhaben. Aber es ist nicht das einzige Social-Media-Filmprojekt zu Fukushima. So initiierte der Filmemacher Ridley Scott sein Crowdsourcing-Projekt Japan in A Day. Gemeinsam mit Fuji Television Network, dem führenden privaten Fernsehsender Japans, und Youtube, rief er die Japaner auf, ihren persönlichen Jahrestag der Katastrophe, den 11. März 2012, zu dokumentieren. "You never know, you may end up in Hollywood", warb Scott für seine Aktion. Bisher sind im Netz ein hübscher Trailer, einige Videobotschaften japanischer Stars und die Ankündigung, dass der Film demnächst erscheint, zu finden. Beiträge hingegen noch nicht.