Manche Traumata schreiben sich so tief ins Gedächtnis ein, dass sie Menschen selbst noch viele Generationen später im Schlaf verfolgen. Die Sklaventransporte in die Neue Welt haben im kollektiven Unbewussten der Black-Community zu einer emotionalen wie kulturellen Diaspora geführt: fremd im eigenen Land, fremd in der eigenen Haut. Davon will der Dokumentarfilm The United States of Hoodoo des Regisseurs Oliver Hardt erzählen. Es wäre der Stoff für ein Trauerspiel. Hätten die Widersprüche dieser willkürlichen Entwurzelung nicht zu den mannigfaltigsten Formen einer tief in der Praxis des Voodoo verwurzelten Musiktradition geführt: zum Blues und zum Jazz sowie zu deren späteren Manifestationen in Disco, Hip Hop oder Detroit Techno.

Der deutsche Filmemacher begleitet den afroamerikanischen Schriftsteller Darius James in Road-Movie-Manier zu den spirituellen Zentren der schwarzen Musik, die selbst natürlich den Mythos von der amerikanischen Selbst(er-)findung on the road miterzählt. James ist Autor von Büchern wie Negrophobia und That´s Blaxploitation – Roots of Baadasssss und steht in der Tradition von Pop-Theoretikern wie Greil Marcus , wenn er die eigene Biographie und die kollektive Sehnsucht über Musik miteinander in Beziehung zu setzen versucht.

James lebte von 1996 bis 2006 in Berlin . Als sein Vater starb, reiste er zurück in die Kleinstadt Hamden zwei Stunden nördlich von New York , um dort nichts als einen Karton mit Asche und eine Sammlung afrikanischer Masken vorzufinden. Die Masken, Objekte eines vormodernen Ritus, ließ der Vater offenbar nur als ästhetische Gegenstände zu – Grund genug für James, das schwierige Vater-Sohn-Verhältnis als Metapher zu nehmen für eine generelle Abgeschnittenheit der Afroamerikaner von ihren Ursprüngen.

James' Reise von New York über New Orleans , die Westküste und Chicago hat somit eine doppelte Funktion: Frieden zu schließen mit dem Vater (am Ende wird dessen Asche im Meer verstreut) sowie das zentrale Trauma der afroamerikanischen Kultur unter die Lupe zu nehmen. The United States of Hoodoo schickt ihn zu den Wurzeln der afroamerikanischen Kultur, um so etwas wie einen kathartischen Moment der Klarheit über das eigene Ich als schwarzer Mann zu erfahren. Leider gerät der Trip zur Therapiesitzung eines vermeintlich Heimatlosen, der den hoffnungslosen Versuch unternimmt, im Reich der Mythen und der Geister nach festem Grund zu suchen.

Dabei findet der Film doch die richtigen Protagonisten: In New York begegnet man der Musikerin Val Jeanty, die an Witch House erinnernde Klang-Sprach-Collagen zusammen mixt. Mit der Volksschullehrerin und Occupy-Aktivistin Kanene Holder besucht James "ein Grab im Herzen des Kapitalismus", es ist das Grab amerikanischer Sklaven, das in den neunziger Jahren nur eine Straßenecke von der Wallstreet entfernt entdeckt wurde. Wie Alexander Kluges Patriotin Gabi Teichert verzweifelt Holder an einem Geschichtslehrbuch, welches seitenweise Kriege und weiße Männer aneinanderreiht, aber der Sklaverei nur zwei Absätze lässt. Der Bildende Künstler und Kunstsammler Danny Simmons führt in seinem Brooklyner Brown-Stone-Haus durch seine Sammlung afrikanischer Masken. " They call it art ", sagt er verächtlich über die westlichen Kunsthändler, die spätestens seit Picasso Geschmack an exotischen Objekten aus den ehemaligen Kolonien gefunden haben, " but they are non-christian ritual items ". Man versteht im Laufe des Films, dass in Zeiten der Sklaverei nicht nur mithilfe der Peitsche, sondern vor allem durch das flammende Schwert der protestantischen Ethik ausgelöscht werden sollte, was den Kern der dominierten Kultur einst ausmachte.

Zu sich kommt United States of Hoodoo dann tief im Süden, im ländlichen Missouri und im Post-Katrina New Orleans. Natürlich hat auch the South einen festen Platz in der amerikanischen Mythologie. Clint Eastwood hat hier in seinem Charlie Parker-Film Bird das schwüle, brodelnde (Gegen-) Amerika verortet: der Süden als das kollektive Unbewusste, aus dem sich die Metropolen der West- und Ostküste energetisch speisen. Das kreolische, hybride New Orleans ist nicht nur die Wiege des Jazz, sondern auch des Voodoo.

Hier trifft James die Priesterin Sallie Ann Glassmann, die vielleicht eine der spannendsten Charaktere des Films ist. Sie führt ein in Denkmodi, die jenen der christlichen Kultur völlig entgegen gesetzt sind. Wo das in der Tradition der Scholastik stehende europäische Denken Vermittlung von Widersprüchen immer nur im Rahmen einer festgefügten Hierarchie erlaubt, da ist Voodoo ein spiritueller Melting Pot . Ist die Liturgie des Abendlandes eine entkörperlichte und geistige, so sind Voodoo-Rituale ein Happening mit Musik, Tanz und weltlichen Rauschmitteln. Aufgeputscht wird sich hier nicht an der heiligen Dreifaltigkeit, sondern an einem ordentlichen Schluck Rum.