Sie wirkte so verletzlich. So fragil, knochig und dünn, dass man sie leicht unterschätzte, ihre Entschiedenheit, ihre Tapferkeit, ihren Mut. Die Schauspielerin Susanne Lothar ist tot, gestorben im Alter von 51 Jahren, wie der Anwalt der Familie, Christian Schertz , am Mittwochabend mitteilte. Über die Umstände ihres Todes steht nichts in der Meldung, die einen gleich doppelt erschreckt.

Denn da sind ihre Leinwand- und Bühnenauftritte, all die energischen und labilen Frauen, die es in der Ehehölle oder dem Inferno der Gewalt aushalten, die selber Familienmonster sind, gestrenge Übermutter oder duldende, lebenszähe Gattin. Die brutal schikanierte Ehefrau in Funny Games . Die gedemütigte Geliebte in Hanekes Das weiße Band . Der kurze Auftritt als Mutter von Gudrun Ensslin in Wer, wenn nicht wir , der einen schaudern macht. Ihr Part im Mutter-Tochter-Drama Staub auf unserem Herzen , das auf dem Münchner Filmfest kürzlich Preise gewann. Da sind auch komische Auftritte, in der Klamotte Fleisch ist mein Gemüse , aber vor allem: das Wagnis, Unsympathinnen zu spielen, Verhärmte.

Da ist, am anderen Ende der Skala, ihre legendäre Lulu in Zadeks Hamburger Inszenierung von Wedekinds Monstretragödie 1988, in der sie nackt auftritt und sich einen wundersam radikalen Theaterabend lang aus der Schutzhülle des Kostüms herauswagte. Da ist ihr Gesicht, ihr Blick, von dem es in dieser Zeitung einmal hieß, darin fänden Weltaufgänge und -untergänge Platz, manchmal beides zugleich. Da ist ihre leise, scharfe Stimme, die Resolutheit, die den Abgrund verrät, den sie zu übertönen sucht.

Wer an Susanne Lothar denkt, denkt aber nicht nur an die Extremschauspielerin, an ihre Rollen bei Peter Zadek oder Luc Bondy , an die in der Verzweiflung gestählten, nie zerbrechenden Figuren bei Haneke oder genauso im Tatort . Man denkt sofort auch an sie und Ulrich Mühe , ihren Mann und langjährigen Partner auf der Leinwand und im Leben, der 2007 an Krebs starb, nachdem sein letzter großer Film, Das Leben der Anderen , den Oscar gewann.

Lothar beschützte ihre Familie vor voyeuristischen Blicken

Mühe und Lothar lernten sich 1990 kennen, die Familie lebte lange in Berlin , gemeinsam spielten sie vor der Kamera die Einsamkeit in der Zweisamkeit, den Krieg in nächster Nähe, die Tyrannei der Intimität. Zwei Seelenforscher, die ihr Äußerstes gaben, zuletzt im Trennungs-Kammerspiel Nemesis , das erst 2011 in die Kinos kam.

Susanne Lothar stand Ulrich Mühe zur Seite, als es vor Beginn seiner Krankheit einen bitteren Streit um ihn, die Stasi und Mühes zweite Ehefrau Jenny Gröllmann gab. Sie beschützte die Familie, ihre zwei Kinder, vor voyeuristischen Blicken auf den Kranken, den Tod, die Trauer. Sie stürzte sich bald in Arbeit, sagte, dass nach dem Tod nichts mehr selbstverständlich ist, dass sie jetzt ein anderes Leben bewältigt, Mama und Papa in einem ist. Und dass man "in der Trauer immer allein" ist. Das ist es, weshalb man doppelt erschrickt über ihren Tod, fünf Jahre nach dem ihres Mannes. Ulrich Wildgruber , ihr Bühnenpartner in Lulu , ist auch schon lange nicht mehr da, er nahm sich 1999 das Leben.

Schauspieler sind Gefährdete, sie schauen dem Leben ins Auge, vielleicht sind sie dem Tod deshalb näher. Die Grenze zum Jenseits scheint durchlässiger zu sein als für normale Leute.

Susanne Lothar, 1960 in Hamburg als Tochter der Schauspieler Ingrid Andree und Hanns Lothar geboren, hat gekämpft, vielleicht immer. Manchmal merkte man ihr das an; ihre Anstrengung war aber auch ihre Stärke.

In einem Gespräch mit dem Berliner Tagesspiegel verteidigte sie 2008 die Freiheit, in der sie aufwuchs, das Leben ohne Angst, das Ulrich Mühe von der DDR nicht kannte. Sie erzählte, wie sie zeitlebens immer ihre eigene Angst überwunden hat, wie sie einmal beim Tauchlehrgang in 30 Meter Tiefe das Mundstück herausnahm. Sie wollte es wissen, wollte die Welt von unten sehen. Sie sprach begeistert davon, wie es ist, Grenzen zu überspringen.

Erschienen imTagesspiegel