ZEIT ONLINE: Herr Meirelles, Ihr neuer Film 360 zitiert in Thematik und Struktur, fast bis in den geometrischen Titel hinein, Arthur Schnitzlers Drama Reigen . Worin bestehen die Hauptunterschiede zu Schnitzlers erotischem Bühnenklassiker?

Fernando Meirelles: Von Schnitzler haben Peter Morgan, der Drehbuchautor, und ich nur die Idee übernommen, von einer Figur zur nächsten zu gehen, in einem Kreis. Aber unser Kreis ist kubistischer, manche Figuren bewegen sich in mehreren Kreisen – und sie hängen komplizierter mit den anderen zusammen. Wenn wir Schnitzlers Reigen heute drehen würden, würde das Publikum spätestens in der dritten Szene die komplette Struktur des Films durchschauen. Und sonst haben wir von Schnitzler nur den Gedanken übernommen, das Ganze mit einer Prostituierten beginnen und enden zu lassen.

ZEIT ONLINE: Bei Schnitzler folgen die Paar-Konstellationen in zehn Dialogen sehr schematisch aufeinander. Die episodische Struktur haben auch Sie nicht gänzlich aufgegeben.

Meirelles: Das war ja meine Hauptangst, als ich den Auftrag annahm: Das Publikum soll sich bloß nicht vorkommen wie auf einem Kurzfilmfestival! Also habe ich, über das vorliegende Drehbuch hinaus, ein paar Momente eingebaut, wo die Figuren sich zusätzlich über den Weg laufen. Auch der Einsatz von Splitscreens hat diesen Sinn. Den sehr verschiedenen Geschichten wollte ich eine Einheit verpassen – mit fließenden Übergängen, mit dem wiederkehrenden Motiv der Flugzeuge, den Schnitten von Stadtlandschaft zu Standlandschaft, der Musik.

ZEIT ONLINE: Bestimmt haben Sie eine Lieblingsepisode oder ein Lieblingspaar.

Meirelles: Immer wenn ich den Film sehe, mag ich wieder andere. Jede Episode hat ihren eigenen Ton. Mal einen romantischen, mal einen komischen, mal einen tragischen.

ZEIT ONLINE: Manchmal kommen die Wechsel arg abrupt: Erst sehen wir etwa ein anrührendes Lebensdrama in Denver , dann schon bei den fast slapstickartigen Szenen mit den russischen Gangstern in Wien .

Meirelles: Das ist Absicht. Der ganze Film lebt davon. Ich wusste exakt, was ich wollte, und genau so ist es geworden. Kann schon sein, dass mancher dann manches nicht mag.

ZEIT ONLINE: Sie haben mit Schauspielern gearbeitet, die in ihren eigenen Ländern Stars sind – mit Moritz Bleibtreu , dem Franzosen Jamel Debbouze, dem Russen Vladimir Vdovinchenkov. Aber wie sind Sie an die Hollywoodgrößen herangekommen, denen Sie ja nur jeweils kleine Rollen anbieten konnten?

Meirelles: Nun, Ben Foster, der den Sexualstraftäter spielt, ist der einzige Amerikaner. Anthony Hopkins , Jude Law und Rachel Weisz kommen aus Großbritannien . Man braucht schon ein paar große Namen für die Finanzierung. Übrigens, als ich Hopkins sagte, er solle einen Typen aus der britischen Mittelschicht und trockenen Alkoholiker spielen, sagte er, lassen Sie mich mal machen, das kenne ich aus eigener Erfahrung.

ZEIT ONLINE: Und, hat er das Drehbuch geändert?

Meirelles: Er hat ihm etwas angefügt. Die große Szene bei den Anonymen Alkoholikern, das ist seine Geschichte. Er wollte sie unbedingt erzählen. Und die Sensibilität begabter Künstler nutze ich gerne.