Die Jury des 65. Internationalen Filmfestival in Locarno hat vor allem anspruchsvolle Filme ausgezeichnet. Das deutsche Kino konnte zwei der wichtigsten Ehrungen erringen: Mit dem Hauptpreis in der Woche der Kritik wurde die Dokumentation Vergiss mein nicht ausgezeichnet. Und den Preis für den besten Film im Freiluftprogramm gewann das Anti-Kriegsdrama Lore .

David Sieveking zeigt in seinem Dokumentarfilm Vergiss mein nicht mit viel Feingefühl und schonungsloser Offenheit das Leben seiner an Demenz leidenden Mutter. Die deutsch-australisch-britische Koproduktion Lore der Regisseurin Cate Shortland verfolgt mit berührender Anteilnahme das Schicksal elternloser Kinder am Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland.

Den Hauptpreis im Internationalen Wettbewerb, den Goldenen Leoparden, vergab die Jury unter Vorsitz des Filmemachers und bildenden Künstlers Apichatpong Weerasethakul aus Bangkok an La Fille de Nulle Part ( Das Mädchen von Nirgendwo ) aus Frankreich .

Jury entschied mit dem Herzen

In dem vor allem durch seine Bildgestaltung beeindruckenden Kammerspiel beschreibt Regisseur Jean-Claude Brisseau die von verblüffenden Gefühlen und verwirrenden Geistererscheinungen geprägte Begegnung eines alten Mannes und einer jungen Frau. Apichatpong Weerasethakul sagte zu der Entscheidung: "Wir haben den Film gewählt, der uns ins Herz getroffen hat." Sein kanadischer Mit-Juror Roger Avery, Drehbuchautor und Regisseur in den USA , ergänzte: "Wir haben die Filme geehrt, die uns inhaltlich und formal derart überrascht haben, dass wir sie uns immer und immer wieder ansehen könnten."

Der Spezialpreis der Jury ging an die US-amerikanische Komödie Somebody Up There Likes Me . Darin zeigt Regisseur Bob Byington stilistisch originell die lebenslange Suche eines Mannes nach sich selbst. Der Preis für die beste Regie wurde dem Chinesen Ying Liang für das Drama Wo Hai You Hua Yao Shuo ( When Night Falls ) verliehen. Das Werk besticht durch die fast dokumentarisch wirkende Inszenierung eines auf Tatsachen beruhenden Dramas um einen Justizmord in Schanghai.

Insgesamt liefen in den vergangenen elf Tagen des Festivals etwa 300 Filme in verschiedenen Sektionen. Im Internationalen Wettbewerb um den Goldenen Leoparden konkurrierten 19 Dokumentar- und Kurzfilme aus aller Welt. Deutschland war mit 18 Filmen, meist internationale Koproduktionen mit starker deutscher Beteiligung, im gesamten Festivalprogramm vertreten. Das Schweizer Filmfest am Lago Maggiore zählt hinter Cannes , Berlin und Venedig zu den wichtigsten europäischen Filmfestivals.