Ausgerechnet im Knast wurde am 12. Juli 1997 ein bisschen Fernsehgeschichte geschrieben. Der US-Bezahlsender HBO produzierte zu seinem 25-jährigen Bestehen eine eigene Serie. Was mit der Erstausstrahlung von Kino-Blockbustern und Sportevents begonnen hatte, hatte HBO nach und nach durch hochwertige Eigenproduktionen ergänzt wie Fernsehfilme, Konzertübertragungen und Comedyshows. Nun also Oz.

Die Gefängnisserie sprengte das bis dahin gewohnte Fernsehserien-Format, indem jede Folge 60 Minuten Netto-Sendezeit bekam. Die Macher hatten Zeit, ihre Geschichte zu entwickeln. Werbeunterbrechungen gab es schließlich nicht, und das in einer Zeit, in der man als Zuschauer das Gefühl bekommen konnte, Programminhalte seien dazu da, die Werbeblöcke zu füllen.

Genau diese Freiheit erwies sich als Zündstoff für eine TV-Revolution. Oz lieferte die Blaupause dessen, was heute als US-Qualitätsserie bezeichnet wird. In den folgenden Jahren legte der Sender mit The Sopranos, Six Feet Under und The Wire nach – alles große Erfolge.

Das Rezept ist bis heute gleich: hochwertige Produktionen, namhafte Darsteller und Regisseure, explizite Sprache und Darstellungen von Sex- und Gewalt sowie hochmotivierte Kreative, die gesellschaftliche Themen setzen und in handwerklich perfekte, narrativ innovative TV-Unterhaltung verwandeln.

In Deutschland sehen Serienfans und Autoren neidisch zu. Hier wird der Markt zur Primetime von gemächlichen Quotenrennern wie Um Himmels Willen und In aller Freundschaft dominiert. Die ARD nennt ihr Vorabendprogramm schmunzelnd Heiter bis tödlich und lässt damit noch Miss Marple und Jessica Fletcher frisch und agil wirken.

Zeitgeistthema Social Network

Ausgerechnet ein Münchner Nischensender nährt nun die Hoffnung, dass sich Geschichte wiederholen und es Bewegung in der deutschen Serienödnis geben könnte. Bislang setzte die kleine Tochter des Medienunternehmens Turner auf die Ausstrahlung populärer US-Serien, doch Ende 2011 kündigte sie an, Deutschlands erste eigene Pay-TV-Serie zu produzieren. Es raunte in der Branche. Hannes Heyelmann, Geschäftsführer von TNT Deutschland, sagte vor dem Start von Add A Friend stolz: "Uns ist bewusst gewesen, dass wir damit wahrscheinlich für Aufmerksamkeit sorgen werden, und damit geht eine besondere Verantwortung einher, es richtig gut zu machen."

Fotograf Felix (Ken Duken), die Hauptfigur der Serie, liegt nach einem mysteriösen Autounfall im Krankenhaus, und kommuniziert hauptsächlich über den Videochat von Google Plus mit der Außenwelt. Heyelmann nennt es ein "Zeitgeistthema" und freut sich über den Support des Internet-Unternehmens. Es sei aber "kein Geld geflossen".

Großes Kino im Fernsehen

TNT und die Produktionsfirma Wiedemann & Berg wollen Add A Friend strahlen lassen. Wie Kino soll die Serie aussehen. Deshalb wurde auch mit der Arri Alexa gedreht, eine Digitalkamera, mit der auch Kinobilder eingefangen werden. Tatsächlich sieht die Serie erstaunlich frisch und zeitgemäß aus, was sie wohltuend von anderen heimischen Produktionen abhebt. Zudem haben sich die Verantwortlichen dafür entschieden, ihre Serie als Genremix aus Drama und Comedy anzulegen, als Dramedy. Ein typisches US-Format, das für hiesige TV-Produktionen kaum genutzt wird.

Es gibt also Gründe, TNT für seinen Mut zu loben. Ob sich der Aufwand auszahlt, wird sich jedoch am 19. September um 20 Uhr 15 zeigen müssen, wenn TNT die ersten beiden Folgen als Auftakt zur zehnteiligen Staffel sendet. Es gibt Zweifel.

Denn was formal richtig gemacht wurde, lässt leider inhaltlich zu wünschen übrig: Neben Ken Duken spielen Friedrich Mücke und Gisela Schneeberger mit. Dukens Figur bleibt blass, Mücke gibt den Klischee-Yuppie, der uns mit frisch gezogener Koks-Line begrüßt, und Felix’ Bettnachbar ist der sympathisch-raue Rockertyp, der seit Sönke Wortmanns Bierchen (Kleine Haie) zum Standard-Inventar deutscher Komödien gehört. Die Geschichte entwickelt wenig Biss, dümpelt etwas unentschlossen hierhin und dorthin, als hätten die Autoren hauptsächlich versucht, nicht negativ aufzufallen. Das gelingt ihnen zwar, ihr Stück regt nicht sehr auf, aber das ist eben auch nicht sonderlich spannend.

Fortsetzung im nächsten Jahr

Man darf wohl keine Wunder erwarten. Auch die Produktionsbudgets trennen Welten von dem der US-Kollegen. Aber TNT ist zuversichtlich und verkündet bereits vor der Ausstrahlung der ersten, die Produktion einer zweiten Staffel noch in diesem Jahr. Auch Branchenriese Sky Atlantic hat bekannt gegeben, eigene Serienformate für Deutschland produzieren zu wollen. Das zumindest kann für die Zuschauer nur gut sein: Dass der deutsche Serienmarkt in Bewegung gerät.