Der Schweizer Erfolgsfilm Der Verdingbub katapultiert den Zuschauer unvermittelt in die schlechte alte Zeit zurück. Er handelt von den ergreifenden Schicksalen zweier Kinder, die an eine arme Bauernfamilie im Emmental "verdingt" wurden. Max wird aus einem aus heutiger Sicht schauerlichen Waisenhaus geholt, und seine spätere Leidensgenossin, die 15-jährige Berteli, mit Gewalt ihrer verwitweten Mutter entrissen und in den abgelegenen Schattenhof zu Familie Bösinger gebracht. Nomen est omen. Doch von wegen düstere Vergangenheit: Obwohl Regisseur Markus Imboden möglichst unspezifisches Zeitkolorit vorführt, ist der erste Aha-Effekt des Alpen-Sozialdramas die Erkenntnis, dass diese Horrorstory nicht im 19. Jahrhundert, sondern in der jüngsten Vergangenheit, den fünfziger Jahren, spielt.

In der Schweiz wurden jährlich bis zu 10.000 Waisen, Scheidungs- und unehelich geborene Kinder in landwirtschaftlichen Betrieben, meist im Berner Oberland, untergebracht, oft auf sogenannten Verdingmärkten wie Tiere versteigert. Die Bauern bekamen Kostgeld von der Gemeinde und eine unbezahlte Arbeitskraft. Praktisch besaßen die Kinder Sklavenstatus, da die Behörden bei Ausbeutung und Missbrauch beide Augen zudrückten. Und da kein Schweizer Charles Dickens einen anklagenden Alpen- Oliver-Twist verfasste, dauerte es zwei Generationen, bis das Schweigekartell aufgebrochen wurde, die ehemaligen Verdingkinder sich trauten, den Makel ihrer Lebensgeschichte zu offenbaren und von ihrer gestohlenen Kindheit zu berichten.

Natürlich erging es nicht allen so schlecht wie den Kindern in diesem Drama, doch der Schweizer Grimme-Preisträger Markus Imboden zeigt einen Querschnitt der schlimmsten Schicksale. Beginnend mit einem kleinen Sarg, in dem Max' Vorgänger weggebracht wird, entwickelt sich die Geschichte mit der Unerbittlichkeit einer tickenden Uhr zu Tragödie. Der Bauer ist ein gewalttätiger Trunkenbold, der das magere Einkommen versäuft und den seine verhärmte Frau sichtlich hasst. Doch der Knabe schuftet still, tröstet sich mit dem Spiel auf seinem "Handörgeli", der letzten Erinnerung an seine Mutter, und erlangt mit seiner Musik auch im Dorf Anerkennung. Als aber Sohn Jakob vom Militärdienst zurückkehrt, um auf dem Hof mitzuhelfen, kippt die Situation. Der Jungbauer wird eifersüchtig auf Max – und wirft ein Auge auf das neu hinzugekommene Verdingkind, das Mädchen Berteli.

Mit fortschreitender Verrohung, Sadismus, Schikane und Vergewaltigung ist diese Alpen-Hölle von Heidi -Idyllen weit entfernt. Mit den archaischen Zuständen auf dem abgelegenen Hof und der nur in zufällig erhaschter Radiomusik repräsentierten Moderne wird eine Ungleichzeitigkeit der Verhältnisse deutlich, die atmosphärisch an die Tannöd -Krimiadaption erinnert. Die zurückgenommene Inszenierung entgleitet nicht zum Elendsporno, zeichnet aber, von der verfaulten Kartoffel bis zur Jauchegrube, ein realistisches Bild des bäuerlichen Überlebenskampfes.