Die eigene Familie kann man sich nicht aussuchen. Man muss sie aushalten. In der Schwarzen Komödie Leg ihn um! gibt es eine kurze, sehr lustige Szene, in der ein greiser todkranker Patriarch, gespielt von Hans-Michael Rehberg, die Lebensgefährtin seinen Sohnes kennenlernt. Genau gesagt ist es der Lebensgefährte, der sich als Frau verkleidet hat, eine Drag Queen in Transenfummel und High Heels. "Vater, das ist meine Freundin“, sagt der Sohn. Und Rehberg, das Vatermonster im Endstadium, richtet seinen an allerlei Kabel angeschlossenen Oberkörper im Krankenbett auf und entgegnet lachend: "Toll. Ich dachte schon, Du bist schwul.“

Tatsächlich: toll. Die Szene mündet nicht nur in einer schönen Pointe, in ihr steckt auch schon die ganze Abgründigkeit dieses Films, der zu den besten Beiträgen der am Sonntag zu Ende gegangenen 46. Hofer Filmtage gehörte. Kaputte Familien sind ein Standardthema des deutschen Films, zuletzt erzählten Hans-Christian Schmid in Was bleibt und Matthias Glasner in Gnade mit tragischen Untertönen vom familiären Zusammensein.

Leg ihn um! geht die Sache radikaler an: als trashige Kriminalklamotte. Der moribunde Alte stellt seinen vier erwachsenen Kinder, die er allesamt für "Pack“ und "Versager“ hält, ein Ultimatum. Wer ihn innerhalb von einer Woche umbringt, erbt Haus und Firma. Ansonsten geht alles an den Kriegsgräberbund. Die Ausgangsidee wirkt wie ein umgedrehter König Lear , mit einem abdankenden Herrscher, der sich freiwillig zum Opfer der Nachgeborenen macht. Das Ergebnis ist teilweise grandioser Slapstick, bei dem übergroße Marderfallen, Sex mit Plastiktüten und vergiftete Frikadellen eine Rolle spielen. Den Anstoß, den bitterbösen Film zu drehen, hatte Regisseur Jan Georg Schütte bei seiner eigenen Familienaufstellung bekommen.

Von zerrissenen Familien und aus der Bahn geworfenen Biografien, von Sehnsucht und Heimweh handelt Eastalgia . Das beeindruckende Spielfilmdebüt der Deutsch-Ukrainerin Daria Onyshchenko spielt in München , Kiew und Belgrad und verdichtet drei Liebes- und Trennungsgeschichten in einer einzigen Nacht. Ein alternder Boxer kommt nicht los von seiner Vergangenheit. Der Bodyguard eines Mafiosi verliebt sich in die Geliebte seines Chefs. Eine Mutter brennt Schnaps in der Küche und wartet vergeblich auf ihren Sohn. Am Ende dämmert der Morgen, doch nichts ist entschieden. Eastalgia setzt auf Pathos und schießt dabei gelegentlich übers Ziel hinaus.

Auch Boris Kunz, der wie Daria Onyshchenko an der Münchner Filmhochschule studiert hat, versucht sich in seiner Beziehungskomödie Drei Stunden an der Verdichtung der Gefühle. Drei Stunden hat der Held, ein junger Theaterautor, um die Heldin, eine Studentin mit Helfersyndrom, von seiner Liebe zu überzeugen. Dann fliegt sie zum Entwicklungshilfeeinsatz nach Afrika . Der Film folgt den Hollywoodmustern der Romantic Comedy, ist aber weder wirklich romantisch noch komisch und schließt mit einer Spontanhochzeit an der Isar.

Die Hofer Filmtage gelten als eine Art Trendbarometer des deutschsprachigen Kinos. In diesem Jahr ging es in auffallend vielen Filmen um dysfunktionale Familien oder um die Folgen des nationalsozialistischen Zivilisationsbruchs. Manchmal auch gleichzeitig um beides. In Die Lebenden , dem dritten Spielfilm der Österreicherin Barbara Albert, entdeckt eine von Anna Fischer dargestellte Studentin ein altes Schwarzweißfoto, das ihren Großvater in SS-Uniform zeigt. Die Spur führt nach Auschwitz , wo der Großvater als Wachmann Dienst tat und der Vater geboren wurde. "Das kannst Du nicht verstehen, Du bist zu jung", sagt der Vater, aber die Tochter entlarvt eine Familienlüge nach der anderen, stirbt beinahe an einer Herzattacke und verliebt sich in einen Israeli. Für einen einzigen Film sind das ein paar Dramen zu viel.