ZEIT ONLINE: In Gnade inszenieren Sie die Vergebung ganz positiv als Mittsommernachtsfest. Dabei ist die Vergebung in dieser Geschichte nach menschlichem Ermessen unwahrscheinlich oder zumindest sehr schwierig. Immerhin kam eine Schülerin ums Leben. Inwieweit halten Sie Vergebung für wichtig?

Matthias Glasner: Seit dem 11. September herrscht ein Kampf der Weltreligionen. Man hat das Gefühl, Rache ist als Mittel zwischenmenschlicher Verhaltensweisen legitim geworden. Ich halte es für den einzigen Weg raus aus dieser Rachespirale, den Weg der Vergebung zu gehen.

ZEIT ONLINE: Damit verhandeln Sie eine wirklich große Frage. Inwieweit halten Sie Vergebung überhaupt für möglich? Können wir Menschen einander vergeben?

Glasner: Ich glaube absolut daran, dass das möglich ist! Wenn es nicht möglich wäre, würde unser Zusammenleben gar nicht funktionieren. Wir müssen ständig uns und anderen vergeben für all die Scheiße, die wir bauen – im Kleinen wie im Großen. Gerade letzte Woche habe ich meine Ex-Freundin nach sechs Jahren das erste Mal wieder getroffen und gemerkt: Jetzt bin ich bereit, ihr zu vergeben, dass sie mich damals für einen anderen verlassen hat. Es hat lange gedauert, aber ich war dazu in der Lage.

ZEIT ONLINE: Was waren die Voraussetzungen dafür, vergeben zu können?

Glasner: Tatsächlich war die Trennung damals eines der schlimmsten Erlebnisse, die mir passiert sind. Es war mit sehr großem Schmerz verbunden und auch mit sehr großem Missverhalten meinerseits. Ich hatte mich damals so benommen, dass ich mir selbst jahrelang nicht vergeben konnte. Lange habe ich die eigene Schuld verdrängt. Ich halte es für das Wichtigste, dass man sich auch selbst vergeben kann. Erst dann ist man in der Lage, dem anderen gegenüberzutreten und zu vergeben. Ach, es klingt wahnsinnig pastoral, wenn ich so rede.

ZEIT ONLINE: Dazu passt, dass Ihr Film wirkt, als würden Sie ein bisschen Gott spielen. Sie lassen Gnade walten und alles wird gut. Dabei gibt es doch eigentlich schon so etwas wie ein Dogma im deutschen Film, dass alles offenzubleiben hat. Warum setzen Sie sich darüber hinweg?

Glasner: Weil es mir tatsächlich ein wenig auf die Nerven geht, dieses offene Ende, das immer alle wollen und gut finden, dieses Postulieren: Wir stellen nur Fragen, aber wir geben keine Antworten. Ich finde, dass eine Antwort als Diskussionsbeitrag oft interessanter ist als ein offenes Ende. Wenn man eine Antwort gibt, provoziert sie natürlich auch Gegenrede. Wenn man eine These aufstellt, gibt es immer jemanden, der diese These infrage stellt und sich darüber ärgert. Das kann das Denken viel intensiver in Bewegung setzen als so ein lauwarmes offenes Ende.

Gleichzeitig bin ich als Regisseur sowieso immer Gott. Ich erfinde eine Welt. Ich entscheide, wie diese Welt aussieht, ich bevölkere sie mit den Menschen, die ich erfinde, und am Ende entscheide ich noch, wer leben darf und wer nicht.