Pornogucken im Kollektiv

Entschuldigung, geht das mit meinem Ellenbogen auf Ihrer Lehne? Ja, ja. Der Sitznachbar zieht die Knie ein, es muss nochmal jemand durch, auf den einzigen freien Platz in der Reihe – ganz innen links. Dann wieder die Tasche unterm Vordersitz verstauen, Jacke und Pullover auch.

Es ist eng und stickig im Kreuzberger Kinosaal, Helfer schleppen Bierbänke herbei, auf denen man sich den Hals verrenkt, wenn man auf die Leinwand blickt. Als alle endlich sitzen, steht ein kleiner Mann mit weißem Bart auf und sagt: "Meinen Film vor einem Publikum wie euch zu zeigen, das war in den Siebzigern nicht möglich." Frauen und Männer, die sich nebeneinander im Halbdunkel einen Pornofilm anschauen, einen schwulen noch dazu. "Die Kinobesitzer hatten wahnsinnige Angst, dass sich jemand anfassen könnte. In den Kinos war es damals so hell, dass man Zeitung lesen konnte."

Der kleine Mann heißt Wakefield Poole und hat 1971 die Pornografie revolutioniert. Sein Film Boys in the Sand , der im Anschluss an Pooles kleine Ansprache auf dem Porn-Filmfestival in Berlin-Kreuzberg gezeigt wird, war ein Jahr vor dem Kassenschlager Deep Throat der erste pornografische Film, der in öffentlichen Kinos in den USA lief. Boys wurde in der New York Times rezensiert, und plötzlich war es angesagt, in einem der großen Broadway-Paläste einen Pornofilm zu sehen. Das Jahrzehnt des "Porno Chic" hatte begonnen.

Im Moviemento-Kino ist dieser Hype in diesen Tagen wieder ein wenig spürbar. Die meisten Vorführungen sind bis auf den letzten Platz belegt, an der Bar liegen Nachrücker-Listen aus. Selbst die Organisatoren des Porn-Filmfestivals, das sich gerade in der siebten Auflage befindet und mittlerweile weltweit bekannt ist, haben mit solchem Andrang nicht gerechnet. Eilig kündigen sie zusätzliche Vorführtermine an.

Pornos im Kino zu gucken, Ellenbogen an Ellenbogen, liegt wieder im Trend. Und das ausgerechnet in einer Zeit, in der – dank Smartphone oder Laptop – jeder ortsunabhängig und hochindividualisiert seine Lieblingsfilme herunterladen könnte. Was ist passiert?

Es mag mit der großen Retrospektive zusammenhängen, die die Menschen ins Moviemento lockt. In diesem Jahr zeigt das Festival zum ersten Mal die Klassiker des Porno Chic. Die verspielten Epen von Radley Metzger sind darunter, Georgina Spelvin verzaubert noch einmal in der Vorhölle von The Devil in Miss Jones (1973), und natürlich geht nichts ohne Behind the Green Door (1972) von den Mitchell-Brüdern. Die Bilder zeigen – was den Sex angeht – ungefähr das, was auch heute als pornografisch gilt, sieht man einmal von dem etwas angestaubten Soundtrack ab.

Faszinierend an diesen Filmen, die man heute oft nur noch in gut sortierten Videotheken findet, ist aber vor allem ihre Unbeschwertheit. In den Filmen sucht eine muntere Generation mit der Kamera nach sexueller Freiheit und bleibt sich gleichzeitig sichtlich der Utopie dieses Unterfangens bewusst. Was Retro-Pornos von den neueren Produktionen des Festivals unterscheidet, ist, dass sie noch nicht gegen einen Mainstream ankämpfen. Sie leiten diesen ja selbst erst ein.

Die Sehnsucht nach dem gemeinsamen Erleben von Pornografie

Mit den Retro-Pornos kehrt auf dem Festival aber vor allem ein Phänomen zurück: das öffentliche Schauen. Das ist insofern erstaunlich, als dass die Pornografie einer bestimmten Epoche normalerweise mit den Medien ihrer Zeit verschmolzen ist. In den 1920er und 1930er Jahren waren Pornos ohne Ton in Endlosschleife in Bordellen zu sehen. Sie sollten Kunden anregen, mit einer Prostituierten im Hinterzimmer zu verschwinden. In den 1970er Jahren wurden Pornos geselliger, man ging als Paar oder mit Freunden ins Kino. In den 1980ern, als die Videorekorder und noch später die DVD-Player kamen, wanderte der Porno ins Wohnzimmer. Mit dem Internet wurden sie schließlich überall verfügbar.

Jetzt sind die Pornos zurück auf der Leinwand, obwohl gerade eher Einzelbildschirme regieren. Nicht alle Pornos natürlich – die Mehrzahl läuft in einschlägigen Internetportalen. Aber der Ansturm auf das Porn-Filmfestival zeigt eine Sehnsucht nach dem gemeinsamen Erleben von Pornografie.

Damit stellt sich erneut die Frage, was eigentlich beim Pornogucken im Kollektiv passiert? Wakefield Poole hat bei seinem Kommentar zum grellen Licht in den Kinosälen der Siebziger auch an die Unsicherheit erinnert, die angesichts öffentlicher Pornovorführungen herrscht: Hat die Sitznachbarin ihre Hände noch auf der Lehne liegen? Bricht eine Orgie los? Oder ist das Gestöhne da vorne allen peinlich? Wie lässt sich die körperliche Lust und die gleichzeitige eintretende Stille ertragen, wenn in 100-facher Vergrößerung auf der Leinwand ein Penis in einem Mund verschwindet?

Beim gemeinsamen Schauen lässt sich testen, wie es um die Sexualität einer Gesellschaft bestellt ist

Im Moviemento passiert erst einmal – nichts. Vielleicht starren alle noch ein bisschen angestrengter nach vorne, zur Seite guckt man jedenfalls nicht. Es ist verrückt: Im Film wird geleckt, gestreichelt, gestöhnt. Wer allein ist, weiß, wie er sich zu solchen Szenen verhalten kann. Masturbieren oder vorspulen, so einfach ist das. Sitzen im Dunkeln weitere 70 Menschen, gestaltet sich die Situation wesentlich komplizierter. Ein öffentliches Pornoereignis gleicht in dieser Hinsicht eher einer Mutprobe: Irgendwie sind alle gekommen, um etwas Gewagtes sehen. Und um dabei gesehen zu werden. Zwischenzeitlich wäre man dann aber doch lieber allein.

In diesem kollektiven Dilemma liegt der eigentliche Genuss des Pornokinos. Es ist Wagnis und Rückversicherung zugleich. Erst beim gemeinsamen Schauen lässt sich testen, wie es um die Sexualität einer Gesellschaft bestellt ist. Das Kino übernimmt diese Rolle stärker als das Internet.

Die Pornofilme der 1970er Jahre waren fürs Kino gemacht. In Radley Metzgers Naked Came the Stranger (1975) gibt es eine Szene, in der ein Mann seine Frau mit seiner Sekretärin betrügt. Die Frau belauscht die beiden beim reichlich verbalen Vorspiel, das auch das Publikum nicht sieht, nur hört. Die Frau ist entsetzt ob der gegenseitigen Ansprache des Paares als "little love bunny" und "big love bunny". Richtung Publikum formt sie ein tonloses "What!?" und nimmt damit die Rolle der Zuschauerin ein. Gleichzeitig ist sie erregt und befriedigt sich im Hausflur.

Der Film weiß, dass solche Szenen Verlegenheit in den Kinoreihen auslösen und arbeitet mit Humor dagegen. Keinem vulgären, eher einem liebevollen, der die Zuschauer in ihrer Lust nicht beschämt. Eine hochgezogene Augenbraue kann ein ganzes Publikum von dem anstrengenden Anblick allzu ernsthaft betriebener Penetration erlösen. Es sind Momente, in denen die Zuschauer, die zum Schauen gekommen sind, vom Film selbst angeschaut werden. Vielleicht zum ersten Mal.