Auch beim Digitalen Quartett weiß man um die Tücken der Technik: "Aus dem Fernsehen sind die Menschen Perfektion gewöhnt. Die Geduld und Bereitschaft, im Netz etwas Neues auszuprobieren ist zwar höher, stößt aber auch an ihre Grenzen," sagt Daniel Fiene angesichts der immer wieder auftretenden Tonaussetzer und schwankenden Aufnahmequalität der einzelnen Teilnehmer. Trotzdem überwiegen für ihn die Vorteile der einfachen Bedienung und des direkten Anschlusses an YouTube. Das bietet nicht nur die sofortige Archivierung der Sendung, sondern auch zusätzliche Verbreitungs- und Diskussionskanäle .

Überhaupt, der soziale Aspekt. Hier können Online-Talkshows neben der Themenvielfalt ebenfalls punkten. Ein "richtiger Heimvorteil", sagt Fiene. Denn während Fernsehsender unter dem Buzzword "Social-TV" um die Aufmerksamkeit der Zuschauer am Rechner buhlen, nehmen die Online-Formate die Interaktionen im besten Fall gleich mit. Es braucht kein Neunziger-Jahre-Call-In-Verfahren wie bei Raab, um die Stimmung der Zuschauer einzufangen, kein verkrampftes Suchen von Kommentaren und Tweets, die anschließend eingeblendet oder vorgelesen werden, ohne wirklich darauf einzugehen. Online-Talkshows sind in dieser Hinsicht flexibler als ihre TV-Pendants, die Diskussionskultur ist direkter, ungezwungener, eine spontane Zuschaltung von Gästen ebenso möglich wie die Änderung des Programms, wenn es zu einem Thema doch einmal mehr zu sagen gibt.

Die Vorraussetzung ist, dass die Macher das Internet nicht bloß als zusätzlichen Ausspielungskanal verstehen. Cherno Jobateys UdLDigital Talkshow etwa gibt es zwar ebenfalls "nur im Netz, nicht im TV", sie soll aber nach eigenen Angaben optisch wie eine "oldschool TV-Talkshow" daherkommen und wirkt deshalb auch ähnlich  bieder, altbekannte Gäste inklusive. Wie bei anderen Webvideoformaten gilt bei Talkshows: Online ist nicht gleich online. Nur wer die Möglichkeiten des Webs nutzt, kann auch spannende und nachhaltige Alternativen schaffen.

Die USA als Vorreiter

Das Potenzial hat man in den USA, dem Mutterland des Webvideos, längst erkannt. Talk- und Nachrichtenshows im Web sind dort seit Jahren etabliert. Zum Beispiel Young Turks : Als eines der ersten unabhängigen Formate sendet die Show seit 2006 aus dem Netz. Inzwischen gehört sie zu YouTubes Partnerprogramm und erreicht rund 30 Millionen Abrufe pro Monat – auch dank innovativer Formate wie The Point , worin die Gäste jeweils ein Thema oder Standpunkt per Videonachricht vorstellen, das anschließend in der Runde diskutiert wird.

Ein weiteres Beispiel für das Innovationspotential von YouTube zeigte sich im Vorfeld der US-Wahl. In der von YouTube eingerichteten Wahlzentrale liefen die Talkshow-Legende Larry King und die Videoredaktion der New York Times neben jungen, politikfremden Formaten wie Sourcefed oder dem Medien-Aggregator Buzzfeed . Sie zeigten statt klassischer Berichterstattung und tiefgehenden Analysen heitere Talkrunden und abseitige Politik-Themen für jüngere Zuschauer. Jene Zuschauer, die sich immer mehr vom traditionellen Fernsehen abwenden.

Eine jüngere Zielgruppe möchte auch die Huffington Post mit ihrem neuen Projekt ansprechen. Mit Huffpost Live sendet das Newsportal seit August zwölf Stunden am Tag live im Netz. Eingespielte Beiträge gibt es nicht, stattdessen greift die "niemals endende Talkshow" in halbstündigen Segmenten unterschiedlichste Themen auf. Einmal vom Gaza-Konflikt zu Twilight und zurück. Neben den Moderatoren und Gästen im Studio spielt das Netzpublikum eine entscheidende Rolle, und zwar nicht bloß durch Kommentare oder Tweets, sondern durch ein aktives Teilnehmen: Jeder Nutzer der "HuffPo" kann sich vorab für Themen als Gesprächspartner vorstellen.

So professionell ist die alternative Talkshowkultur in Deutschland noch nicht. "Für einen solchen Dauerbetrieb braucht es eine gewisse Basis an Nutzern, die in Deutschland einfach noch zu klein ist," glaubt Daniel Fiene. Mit der Rundshow war er im Frühjahr selbst an einem Format beteiligt, das ähnlich wie Huffpost Live den Spagat zwischen Studioumgebung und Online-Interaktion versuchte. Vier Wochen lang sendete der Bayrische Rundfunk jeden Abend die Rundshow als Experiment in Sachen Social-TV im TV und im Netz. Die Reaktionen waren gespalten , das Fazit von Macher Richard Gutjahr aber ließ sich nicht bestreiten. Er schrieb : "Unsere kleine Show ist nicht perfekt. Aber sie ist echt."