Schluss mit den Cliffhangern – Seite 1

Das nennt sich Kampfansage: "Wir wollen schneller zu HBO werden, als HBO zu uns wird", sagt Ted Sarandos, Programmchef von Netflix. HBO, der große US-Bezahlsender, revolutioniert seit Mitte der neunziger Jahre die Serienlandschaft mit seinen Eigenproduktionen wie Sex and the City, The Sopranos, The Wire, Game of Thrones. Und jetzt kommt Netflix, die Online-Videothek, die bis vor einigen Jahren ihren Hauptumsatz mit dem DVD-Verleih per Post machte, und mischt die TV-Landschaft auf. Kann das funktionieren?

Ja, glaubt Netflix, und zeigt mit House of Cards eine Serie, die es mit den großen Titeln aufnehmen soll – im Internet. Nach Lilyhammer, in dem der Ex-Soprano Steven van Zandt als pensionierter Mobster in die norwegische Winterpampa umsiedelt, ist House of Cards die zweite Eigenproduktion des Portals. Und eine kostspielige obendrein: Geschätzte 100 Millionen US-Dollar sollen die zwei Staffeln à 13 Episoden gekostet haben, die in Deutschland immer montags im Bezahlsender Sky laufen.

House of Cards ist ein Remake der gleichnamigen BBC-Miniserie aus dem Jahr 1990. Der Drehbuchautor und frühere Wahlkampfhelfer Beau Willimon hat das britische Original auf den US-Politbetrieb übertragen, Regie führt unter anderem David Fincher. Oscarpreisträger Kevin Spacey spielt Francis Underwood, den Einpeitscher der US-Demokraten im Repräsentantenhaus. Nachdem er vom Präsidenten für den Posten Außenministers übergangen wurde, schmiedet er einen Plan, der ihn am Ende bis ganz nach oben bringen soll. Politiker, Lobbyisten, Gewerkschaftler – sie alle finden sich in Underwoods perfidem Machtspiel wieder, das er kühl, bisweilen unterkühlt ausspielt.

Auf Leidenschaft und Wut, auf große Emotionen und messerscharfe Dialoge wie sie etwa die Polit-Satire The West Wing auszeichneten, wartet man vergeblich. Auch kommt Underwood nicht ganz an die großen Serien-Antihelden der vergangenen Jahre wie Tony Soprano oder Walter White aus Breaking Bad heran. Zu selten können Zuschauer hinter sein selbstgefälliges Ego blicken.

Dennoch bietet House of Cards überdurchschnittlich gutes Fernsehen. Das dürfte die traditionellen Sender beunruhigen, schließlich sehen sie in Streaming-Anbietern wie Netflix, Hulu und auch Amazon neue Konkurrenz. Zurzeit machen diese vor allem mit Inhalten Umsatz, die bereits im Fernsehen oder Kino liefen, als klassische Videothek also.

Dass Netflix jetzt eine Eigenproduktion im Netz anbietet, die es beim Budget und beim Anspruch mit den Produktionen renommierter Studios aufnehmen kann, könnte die Fernsehlandschaft revolutionieren.

Alle 13 Folgen auf einmal

Das Portal bricht nicht nur mit Konventionen, sondern auch mit Sehgewohnheiten: So gibt es für Netflix-Abonnenten alle 13 Folgen der Serie auf einen Schlag. Kein Warten auf die nächste Woche mehr, keine nervenden Verschiebungen durch Feiertage oder monatelange Drehpausen, keine Flashbacks und keine vorhersehbaren Cliffhanger. "In zehn Jahren wird uns eine lineare Auswahl aus 200 Kanälen wie ein Telefon mit Drehscheibe vorkommen", heißt es in einem aktuellen Schreiben des börsennotierten Unternehmens an seine Aktionäre. Die Zukunft des Fernsehens sei on demand, sagt Reed Hastings, CEO von Netflix: "Warten ist tot."

Der Drehbuchautor Beau Willimon ist von dem Format ebenfalls überzeugt, erlaube es den Machern doch Erzählformen, die bislang Büchern oder Filmen vorbehalten waren. House of Cards zeigt, wie das aussehen kann: Statt zum Ende jeder Folge auf einen Spannungsbogen hinzuarbeiten, sind die dramaturgischen Höhepunkte dezenter platziert, einzelne Handlungsstränge auf mehrere Episoden verteilt, ohne sie den Zuschauern ständig neu aufrollen zu müssen. Netflix gebe ihnen zudem die volle Kontrolle darüber, wie sie Fernsehen erleben möchten, sagt Willimon. Und Netflix weiß besser über das Sehverhalten seiner Zuschauer Bescheid als jeder TV-Sender: Jede Suchanfrage, jede Bewertung, jede gestreamte Minute wird ausgewertet.

 Netflix kann es sich leisten, Kritiker zu ignorieren

Sicher ist, dass House of Cards die Aufmerksamkeitsspanne seiner Zuschauer ausreizt. Und nicht jeder ist von dieser Vorgehensweise überzeugt. Kritiker sprechen schon von binge-viewings, Fernsehen als Fast Food zum Verschlingen. Die Geschmäcker sind verschieden, einige Zuschauer lieben die Möglichkeit, alle Folgen auf einmal zur Verfügung zu haben und tief in die Geschichte einzutauchen. Gerade weil kleine Motive, Zitate und wiederkehrende Symbole beim klassischen, zeitversetzten Konsum schnell übersehen werden. Andere, wie Liz Shannon Miller von PaidContent, glauben hingegen, dass bei dieser Art des Serienkonsums mehr Details verloren gehen als hängen bleiben, weil die Zuschauer sich eben nicht stundenlang am Stück konzentrieren können.

Ein Bruch mit Social TV

Die Auslieferungsform könnte auch einen Bruch mit einer der großen Hoffnungen der Fernsehbranche bedeuten: Social TV. Wie, fragen die Kritiker, sollen die Zuschauer leidenschaftlich über ihre Lieblingsserie diskutieren können, wenn ein Teil schon alles gesehen und der andere gerade einmal die ersten drei Folgen hinter sich hat? Wie soll man in sozialen Netzwerken Spoiler vermeiden?

Netflix kann es sich noch erlauben, die Antworten auf diese Fragen zu ignorieren. Der Online-Dienst verkauft keine gezielt geschaltete Werbung und ist deshalb auch nicht darauf angewiesen, zu bestimmten Zeiten die Zuschauer vor dem Bildschirm zu versammeln. Auf der Homepage können Shows wie House of Cards vielmehr dauerhaft beworben werden, und das, ohne Gefahr zu laufen, dass Zuschauer Episoden verpassen. Dazu sind neue Formen des Social TV denkbar, die nicht auf Twitter und Facebook, sondern direkt im Netflix-Ökosystem stattfinden und nicht an Sendetermine gebunden sind. 

Unklar ist, ob sich ein Projekt wie House of Cards für Netflix wirtschaftlich rechnet. Wie viele der rund 27 Millionen Streaming-Abonnenten zum Start eingeschaltet haben, sagt das Unternehmen nicht. Es gibt lediglich bekannt, dass es zurzeit der erfolgreichste Titel im Angebot sei. Experten vermuten dennoch, dass Netflix noch mehr Abonnenten benötigt, bevor die Eigenproduktionen für schwarze Zahlen sorgen. Netflix gewinnt zwar immer mehr Streaming-Kunden, verleiht aber gleichzeitig immer weniger DVDs. Verluste, die erst einmal ausgeglichen werden müssen, auch wenn die Entwicklung positiv ist.

Um Kunden zu gewinnen, möchte sich Netflix auch künftig auf eigene Produktionen konzentrieren. Im Mai präsentiert das Portal neue Folgen der Comedy-Serie Arrested Development, für Dezember ist eine Kinderserie in Kooperation mit DreamWorks geplant. Geht es nach Programmchef Sarandos, soll Netflix schon bald bis zu fünf Shows pro Jahr finanzieren. Und dabei eine neue Generation an Filmemachern und Autoren anziehen, die sich nicht mit Quoten, Pilotfilmen und altbackenen TV-Strukturen herumschlagen, sondern die Grenzen des Mediums ausloten möchten. So wie HBO vor rund fünfzehn Jahren.