Vor ein paar Jahren bekam die Regisseurin Phie Ambo aus dem Nichts Panikattacken. Geholfen habe ihr Meditation. "Danach wollte ich den Schädel öffnen und in das Gehirn hineinschauen und sehen, was wirklich während der Meditation passiert", schreibt die Dänin über ihren Film Free the Mind. So wurde die Dokumentation über die Macht der Gedanken der zweite Teil ihrer Trilogie über grundlegende Fragen der Menschheit. In ihrem ersten Teil, Mechanical Love, ging es Ambo um Roboter als Kuschel-Ersatz für Menschen.

In Free the Mind sehen wir nun Will, Steve und Rich. Will ist fünf Jahre alt, hat ADHS und weint schon beim Gedanken daran, in den Fahrstuhl des Kindergartens zu steigen, denn einmal war er alleine in einem Fahrstuhl steckengebliebenen.

Steve war Soldat in Afghanistan und ist mit einer posttraumatischen Belastungsstörung und Gewissensbissen zurück in die USA gekommen. Er erzählt: "Die Person, die ich sein musste, um meinen Job zu tun, war eine schreckliche Person. Und ich war gut darin." Ohne Pillen kann er nun nicht mehr einschlafen. Im Fastfood-Restaurant mit seiner Frau und den zweijährigen Zwillingen blickt er sich ständig nervös um und flüchtet schließlich nach draußen.

Auch Soldat Rich ist mit einer posttraumatischen Belastungsstörung heimgekehrt, aber in seinem Haus am See wartet nur noch sein Hund; die Ehefrau ist ausgezogen. Rich war Bataillonsführer im Irak und in Afghanistan. Er fühlt sich schuldig, dass er überlebt hat und ein paar Freunde nicht.

"One man can help them", verspricht der Film-Trailer – "ein Mann kann ihnen helfen". Der Mann ist Richard Davidson: ein Neurowissenschaftler, der selbst seit rund 30 Jahren meditiert und erforscht, was die kontemplative Versenkung mit dem Hirn anstellt, wobei er auch schon buddhistische Mönche im Labor untersucht hat. Davidson wurde zum Pionier dieser Forschungsrichtung, selbst Kollegen verehren ihn. In der Doku wird er nun zum Erlöser stilisiert. Dabei gibt er sich so bescheiden wie wissenschaftlich-vorsichtig-diplomatisch: Die Forschung mache auf diesem Gebiet gerade nur die "ersten winzigen Baby-Schritte".

Richard Davidson schickt eine herzensgute Frau in Wills Kindergarten: Sie bringt dem Kleinen mehr Achtsamkeit bei, mit Atemübungen, Kommunikationspsychologie und einer wunderbaren Flitter-Schneekugel. Nach ein paar Tagen steigt Will tatsächlich mit seiner Kindergärtnerin und ein paar Kindern in den Fahrstuhl ein und fährt fast lässig bis nach ganz oben.

Derweil nehmen Steve und Rich, die zwei Kriegsveteranen, an einer Studie teil, die von Richard Davidsons Team gerade begonnen wird: Mit anderen Kriegsrückkehrern üben sie sieben Tage lang je drei Stunden Atem-Techniken. Nach der Woche ziehen beide ein Fazit: Steve habe nur noch ein, zwei Mal seine Schlafpillen gebraucht und Rich fühle sich "wieder glücklich, wie ein kleines Kind". Man freut sich mit den beiden und auch mit der Forscherin, die einen kleinen Heureka-Moment erlebt. Man freut sich sogar mit dem Kamera-Team, das solch einen Moment einfangen konnte.

Aber irgendwie ist es auch zu schön, um wahr zu sein.

Sich aufdrängende Fragen werden nicht geklärt

Also atmet man einmal kräftig durch und versucht, besonders achtsam zu sein. Dann erkennt man: Der Film befreit nicht die Gedanken – er verknotet sie. Hätte doch die Regisseurin selbst noch einmal kräftig durchgeatmet! Dann hätte sie vielleicht nicht Atemtechnik, Yoga und Meditation in einen Topf geworfen.

Dann hätte sie vielleicht noch einmal diskutiert, ob es zu platt ist, ein digital animiertes Gehirn mit Geballer-Lärm unter Beschuss zu nehmen, um darzustellen, dass ein Krieg traumatisch ist.

Dann hätte sie vielleicht erkannt, dass es unnötig, möglicherweise sogar stigmatisierend ist, wenn erklärt wird, dass der fünfjährige Will ADHS habe, während man gleichzeitig sieht, wie der Junge wieder und wieder mit einer Rolle vorwärts auf die Couch springt – so, wie wohl viele fünfjährige Kinder auf einem Sofa herumtoben würden.

Dann hätten die Filmemacher auch einsehen können, dass man dem Zuschauer, der ins Kino geht, um einen Film übers Gehirn zu sehen, durchaus jenes Fachwort zumuten kann, das die gesamte Thematik auf den Punkt bringt: Neuroplastizität. Es bedeutet: Nervenzellen können sich verändern, ebenso die Verknüpfungen zwischen Nervenzellen, ja ganze Hirnareale.

Man atmet noch einmal tief durch – und sieht dann: Im Stuhlkreis von Rich und Steve ist ein Platz leer. Ryan ist ausgestiegen. Er powert sich in der Garage mit Fitnessübungen aus. Andere würden Drogen nehmen, um nicht an die Erlebnisse im Krieg zu denken, sagt Ryan. Er treibe eben Sport und repariere sein Fahrrad; das sei gesünder. Ryan ist wohl achtsam. Auf seine Art. Deswegen ist diese Szene so wichtig. Schade nur, dass sich aufdrängende Fragen nicht geklärt werden: Wie oder wann schafft es jemand, der als ganzer Mann in den Krieg gezogen ist, sich als gebrochener Mann auf Bauch-Atmung und Stuhlkreis einzulassen? Was könnte sonst helfen?

Stattdessen bekommt Richard Davidson im Film lediglich die Zeit zu empfehlen: "Wir alle wissen, dass man bestimmte Muskelgruppen durch spezifische, regelmäßige Übungen trainieren kann. Meditation ist das Gleiche für das Gehirn."

Es sollte zumindest erwähnt werden, was Meditationsneuroforscher und Yoga-Lehrer wie die Deutsche Britta Hölzel sagen: Wenn eine posttraumatische Belastungsstörung mit Meditation behandelt wird, ist auch eine psychotherapeutische Betreuung notwendig.