241 Filme sind 2012 in Deutschland entstanden, davon 156 Spielfilme. 2003 waren es 107. Die Zahl der Produktionen hat sich in einer Dekade mehr als verdoppelt, der Marktanteil dagegen stagniert bei 15 bis 30 Prozent – und hängt vor allem davon ab, ob ein neuer Til Schweiger, Bully Herbig oder Matthias Schweighöfer dabei sind. Deshalb sank der Anteil letztes Jahr auf 18 Prozent, obwohl die Kinobranche erstmals die Umsatzmarke von einer Milliarde Euro knackte. Im ersten Quartal 2013 schnellte er hoch auf 32 Prozent, dank Kokowäh 2, Schlussmacher, Fünf Freunde 2 und Hannah Arendt. Die Qualität aber bleibt mau, trotz der fürstlichen 345 Millionen Euro aus Bund- und Ländertöpfen sowie den Abgaben der Filmförderanstalt. Davon erhielt allein die Berliner Firma X-Filme knapp 15 Millionen Euro.

Letzte Woche verkündete Cannes, das Filmkunstfestival Nummer eins, sein Programm. Wieder kein deutscher Film dabei, man kennt das. Seit 1993 haben es nur Weingartners Die fetten Jahre sind vorbei (2004) und Akins Auf der anderen Seite (2007) in den Palmen-Wettbewerb geschafft, zwei Filme in 20 Jahren. Die kurze Auslandsoscar-Erfolgsserie mit Nirgendwo in Afrika, Die Fälscher und Das Leben der Anderen (2007) scheint auch beendet zu sein, und selbst auf der Berlinale, die Dieter Kosslick als Plattform für die Deutschen wieder attraktiv gemacht hat, lief zuletzt nur eine nationale Produktion, Thomas Arslans Gold. Der Plot passte gut: Deutsche Abenteurer ziehen los, um das ganz große Geld zu machen, geraten jedoch auf Abwege, und ihr Ziel rückt in immer weitere Ferne.

Dem deutschen Film geht es ähnlich. Das Fernsehen mischt und produziert mit, trimmt Projekte auf Konfektionsmaß und erfüllt seinen Kulturauftrag erst ab Mitternacht – siehe Kleines Fernsehspiel, siehe den Abschied vom anspruchsvollen Dokumentarfilm. Mag auch sein, dass die Konfektionierung längst in vorauseilendem Gehorsam geschieht. Schon die Kino-Trailer zeigen: Deutsche Filme tragen ihre Themen wie Demo-Banner vor sich her, versprechen Botschaften statt Geschichten. Und die Fähigkeit, Zeitgeschehen und Aufreger-Sujets in spannende, wenn auch durchformatierte Genrefilme zu verwandeln, beherrschte lediglich Bernd Eichinger – er starb 2011.

So finden sich zwischen den künstlerischen Hoffnungsträgern, der wachsenden Zahl von Koproduktionen und dem Kommerz, den eine gesunde Filmindustrie braucht, nur wenige tapfere Autorenfilmer. Christian Petzold, Andreas Dresen, Hans-Christian Schmid, vielleicht noch Matthias Glasner – und Tom Tykwer, der ab und zu aus dem internationalen Business zurückkehrt. Zuverlässig bringen sie alle zwei, drei Jahre beachtliche Filme heraus, sie haben ihr Stammpublikum. Ihr Kino bildet die Herzkammer der aktuellen deutschen Filmkultur, zuletzt mit Barbara (der mit 260.000 Zuschauern 2012 die Arthouse-Charts anführte) und Halt auf freier Strecke. Hinzu kommt Deutschlands bester Genrefilmer Dominik Graf, der sich allerdings dem Fernsehen verschrieben hat.

Diese kleine Gruppe kann nicht genug unterstützt werden, von den Fördergremien wie aus den eigenen Reihen. Deshalb ist es ärgerlich, wenn die Filmakademie Schmids eindrücklichem Drama Was bleibt nur eine Nominierung in einer Nebenkategorie gönnt und die mit 250.000 Euro Subventionsgeld ausgestattete "Bester Film"-Nennung verweigert.

Der Prophet im eigenen Lande gilt wenig. Während das New Yorker MoMA der Berliner Schule im Herbst eine Retro ausrichtet, wird der Begriff für die Filme von Petzold, Arslan, Köhler, Angela Schanelec oder Christoph Hochhäusler hierzulande gerne als Schimpfwort benutzt. Und während Nina Hoss auch im Ausland gefeiert wird, versagten die Kollegen ihr 2012 eine Nominierung für Barbara.

Eine selbstbewusste Branche sieht anders aus. Die Fördergelder reichen für die Produktion, das Gesetz schreibt keine Rückzahlung vor. Das Ergebnis: eine seltsame Gleichzeitigkeit von Selbstgenügsamkeit, Selbstverkennung und Hybris. Anlässlich der Filmpreis-Verleihung 2012 beschrieb Dominik Graf in der ZEIT das Dilemma der Saturiertheit, schimpfte auf das bildungsbürgerliche "Relevanzkino" und brach eine Lanze fürs Triviale. Für Spektakel, Fantasy, Jahrmarkt – als Alternative zum Mittelmaß. Und im Spätherbst kritisierten 20 Filmkritiker – darunter auch die Autorin dieses Artikels – in einem Offenen Brief die Lola-Vergabe der Akademie mit ihrer Tendenz zum Konsenskino, "das künstlerische Extreme ebenso wie große Kassenerfolge von vornherein ausschließt".

Was muss geschehen, damit Quantität in Qualität umschlägt? Die Realisierung der Graf’schen Vision von intelligentem Jahrmarkt ist höchstens Bully Herbig zuzutrauen. Ansonsten gilt es, mit den wenigen vorhandenen Pfunden zu wuchern. Indem die Lolas als wichtigste kulturelle Fördermaßnahme so präzise wie möglich die Filmkunst fördern: das verwegene, exzentrische, unerhörte, zartbesaitete, überwältigende Kino, nicht die ehrbare Absicht oder eine lauwarm-gediegene Romanverfilmung wie Die Wand. Indem die Politik das Fernsehen in die Pflicht nimmt, als engagierten Komplizen. Und indem man die kostbarsten Mitstreiter für den guten Film auf Händen trägt, die Schauspieler: Nina Hoss, Martina Gedeck und Corinna Harfouch, Sophie Rois, Birgit Minichmayr und Hannah Herzsprung, Jürgen Vogel, Burghart Klaußner und Christoph Waltz, Lars Eidinger, Devid Striesow, Fabian Hinrichs und wie sie alle heißen. Bis auf Weiteres sind sie das Beste, das der deutsche Film zu bieten hat.

Erschienen im Tagesspiegel