Wer nach dem einen Osteuropa sucht, kann es auf einem Filmfestival kaum finden. Das macht aber nichts, weil man sich im Kinodunkel verirren wird, oft aufs Anregendste und Schönste, und hinterher im Hellen mit mehr Fragen da steht, als ein O auf dem Kompass lösen könnte. Im besten Fall mit der Erkenntnis, dass sich an den vermeintlichen Rändern unseres Kontinents längst eigenständige Filmsprachen ausgebildet haben.

Das Wiesbadener goEast-Festival ist ein prächtiger Ort, um diese zu besichtigen. Mittlerweile jährt sich die – neben ihrem Cottbusser Pendant – hierzulande wichtigste Werkschau dieser ungreifbaren Filmlandschaft zum 13. Mal.

Falls man in diesem Jahr überhaupt aus der Vielfalt der zehn Wettbewerbsbeiträge ein geschlossenes Bild konstruieren möchte, ein Leitmotiv, an das man sich klammern kann, so wäre es möglicherweise mit dem berühmten Satz aus Anna Karenina umrissen: Jede unglückliche Familie ist auf ihre Weise unglücklich.

Mikrokosmos Familie

Ein Großteil der Einreichungen erzählt von häuslichen Katastrophen, kleinen Apokalypsen in kleinen Wohnungen, von Abhängigkeit und dem Verlust innerhalb dieses Mikrokosmos. Manchmal sogar von seiner Auflösung an sich.

Constructors etwa, der kasachische Beitrag von Adilkhan Yerzahnov, zeigt die Geschichte zweier Brüder, mutter- und obdachlos. Auf einem kleinen Stück Bauland liegt ihre Hoffnung auf ein eigenes Zuhause. Schwerstarbeit: Tags buddeln sie im struppigen Gelände, hinter ihnen das Gebirge, die Gerippe der Neubauten. Nachts klauen die Geschwister Ziegel von den Baustellen, Schubkarren, Zement. Yerzhanov folgt ihnen beinahe in Zeitlupe durch Tageszeiten. Ruht sich auf den schmächtigen Körpern aus, graue Gesichter vor grauen Mauern. Graues Sein irgendwo in Kasachstan, in dem wie im absurden Theater plötzlich ein Vertreter auftaucht: für LED-Dioden, Weltneuheit. Oder es erscheint der Bezirkspolizist: Entweder die Brüder können bald ein Haus vorzeigen oder das Grundstück ist konfisziert.

Parabel auf die Unbehaustheit des Menschen

Es ist bemerkenswert, mit welch sparsamen Mitteln Yerzahnov seine Parabel auf die Unbehaustheit des Menschen erzählt. Bemerkenswert auch deshalb, da so ein Festival zumeist einen Blick auf die unterschiedlichen Reifestadien in den filmischen Entwicklungen der acht Länder freigibt, die sich im Wettbewerb befinden. Trotz der mittlerweile hohen Professionalisierung in Budgets, Förderungen und Ausrüstung gelegentlich mit verblüffend drögem Ergebnis.

Im Vergleich zu Yerzahnovs wortkarger, widerspenstiger Poesie betreibt etwa der Pole Piotr Trzkalski einen erheblich größeren Erzählaufwand. My Father's Bike ist nüchtern betrachtet ein handwerklich makelloser Film über drei Generationen. Opa Wlodek war mal Jazzklarinettist, nun Alkoholiker. Sein altes Leben steht im CD-Regal, von seiner Frau besitzt er nur noch einen Abschiedsbrief. Mit Sohn (Konzertpianist) und Enkel (Kopfhörer auf den Ohren) macht er sich auf die Suche nach ihr. Wobei zwischen den dreien sämtliche Lügen und Kränkungen allgemach zu Vorschein kommen.

Es ist ein Rührstück mit den Mitteln des Roadmovie, das sich tief im poetischen Süßwarenladen bedient. Konventionelle Melancholieproduktion mit marzipanendem Klavier. An deren Ende schließlich die Pointe steht, dass die Kraft der Musik alles überwindet.

 Den Zuschauer mit einsperren in die Szene

Opa und Enkel im polnischen Beitrag "My father's bike" © goEast Festival Wiesbaden

Wie schnulzig diese Pointe ist, zeigt nicht zuletzt der rumänische Beitrag Rocker. Dort wirkt die Musik nicht heilsam, sondern zerstörerisch auf das, was von Familie übrig ist. Marian Crisans Film ist ein schwermütiges Porträt des alleinerziehenden Vaters Victor, den bloß noch seine verknitterte Lederjacke zusammenzuhalten scheint. Zuhause wartet sein Sohn Florin, weniger auf ihn, sondern auf das Heroin, das Victor mitbringen und ihm dann zwischen die Zehen spritzen wird. Victors Leben ist ganz allein auf diese sonderbare Fürsorge ausgerichtet: damit Florin endlich der Rockstar wird, der Victor nie sein konnte. Er filmt die Proben, er kauft Ausrüstung vom letzten Geld. Bald ist das Konzert in Bukarest, weit weit weg, und das einzige, worauf Victors Dasein noch zusteuert und Crisans Film letzthin auch.

Der lässt sich viel Zeit, die Einsamkeit seines Helden zu kartografieren. Aus halbnaher Distanz folgt ihm der Blick der Kamera, wie er durch den Schnee nach Hause stapft, unentwegt rauchend, Sätze spricht, die längst ihren Geist aufgegeben haben. Und wenn es wahr sein sollte, dass die Kamera nicht bloß Einstellungssache ist, sondern auch eine existenzielle Haltung mitliefert: Was bedeutete das für das rumänische Kino, das gleich zwei Filme in den Wettbewerb schickt?

Eine ganze Regisseursgeneration hat ihren unverwechselbaren Blick auf die Welt kultiviert. Ihre langen, ungerührten Einstellungen sind inzwischen zu einer Art Philosophie geworden: den Zuschauer mit einzusperren in die Szene, ihn nicht mit Schnitten und Nahaufnahmen zu entlasten. Sieh hin! Sieh das! Das war in jüngerer Vergangenheit oft preiswürdig: Zuletzt erhielt Calin Peter Netzer auf der Berlinale den Goldenen Bären. Und auch Adrian Sitarus Film Domestic könnte nun einer der Favoriten in Wiesbaden sein. Zumal es ihm gelingt, die fast schon archetypische Unerbittlichkeit um Komik zu bereichern.

Wimmelbild mit Hochgeschwindigkeitsdialogen

Domestic ist ein chaotisches, zuweilen ikeabuntes Kammerspiel, in wechselnden Wohnungen eines Mietshauses. Im Zentrum steht der Hausmeister Herr Lazar, der den plötzlichen Tod seiner kleinen Tochter verarbeiten muss. Über die Stockwerke und Flure entfaltet sich nach und nach ein kleines Wimmelbild dieses Hauses. Mit dem Trinker nebenan, der mit Tauben und Kaninchen seines Sohnes hadert. Ein Hund läuft weg, es ist zum Schreien. Sitaru inszeniert um seine betrübte Hauptfigur einen anrührend großherzigen Film, getrieben von Hochgeschwindigkeitsdialogen über Ufos, Jesus und die Rolle Rumäniens bei alldem. Manchmal so schnell, dass die Untertitel kaum mitkommen.

Das heitere Weltgefühl, das Sitaru damit über die Minusgrade häuslicher Trauer legt, spürt man im restlichen Wettbewerb sonst kaum, der nicht zuletzt auch von etwas anderem erzählt: männlicher Emotion und ihren Folgen.