Leben wir wirklich in einer Zeit, in der wir alles Jugendliche verehren, egal wie alt wir sind? Das Schöne, Freie, Ungezwungene, Sorglose? Oder hängen wir nicht nur einem idealisierten Bild nach, das wir uns von der Jugend machen? Diesen Verdacht zumindest legen zwei Filme des ersten Wettbewerbstags der Filmfestspiele in Cannes nahe.

In Jung und schön schildert der französische Regisseur François Ozon ein Jahr im Leben von Isabelle (Marine Vacth). In den Sommerferien schläft die 16-Jährige am Strand zum ersten Mal mit einem Mann, einem jungen Touristen. Zurück in Paris sucht sie sich unter dem Pseudonym Lea übers Internet Männer, die sie für Sex bezahlen. Anfangs ist sie während dieser Treffen unsicher, doch mit der Zeit scheint sie sogar ein gewisses Vergnügen an ihrem Tun zu finden. Ob das tatsächlich so ist, lässt Ozon offen. So intim die Bilder sind, die er von seiner Schauspielerin zeigt, so distanziert bleibt er gegenüber seiner Figur. Er bewahrt ihr Geheimnis, ganz wie es Isabelle/Lea auch tut. Selbst als ihr Doppelleben auffliegt, schweigt sie. 

Die kühle Verschlossenheit seiner Protagonistin wiegt der Film auf, indem er regelmäßig die Perspektiven verrückt. Wir sehen Isabelle durch die Augen ihres kleinen Bruders, der mit der natürlichen Intimität des Geschwisters das Erwachen der Sexualität seiner Schwester beobachtet. Er ist der einzige Mensch in Isabelles Umfeld, den sie an sich heranlässt. Schließlich hat er nur eine diffuse Ahnung von dem, was tatsächlich passiert, und lässt sich jederzeit mit einer Handbewegung wieder aus ihrer Nähe verscheuchen.

Der Stiefvater (Frédéric Pierrot) der beiden bleibt angenehm entspannt bei all den Wandlungen, die die Tochter seiner Frau durchmacht. Weder verliert er seine freundliche Zuwendung noch das Vertrauen in Isabelle, als alle von ihrem geheimen Treiben erfahren. Einmal beginnen die beiden spontan ein Geplauder über Prostitution. Dass sich daraus kein ernstes Gespräch entwickelt, liegt an Isabelles Mutter, die es misstrauisch unterbricht.

Sie droht am Schweigen ihrer Tochter zu zerbrechen. Der Zuschauer kann nur spekulieren, warum Isabelle von Beginn an nichts mehr zu fürchten scheint, als dass ihre Mutter die kleinste Banalität aus ihrem Leben erfährt. "Das geht dich nichts an", faucht sie mehr als einmal. Dabei tut die Mutter alles, um empathisch und offen zu sein. Was sie dann jedoch von zwei Polizeibeamten über ihre Tochter zu hören bekommt, bringt ihr Selbstbild ins Wanken. Hin- und hergerissen zwischen Wut und Selbstvorwürfen schlägt sie ihre Tochter mit der flachen Hand und streicht ihr gleich darauf übers Haar. Géraldine Pailhas überzeugt als Mutter, deren Gefühle man sehr gut nachempfinden kann. Sie erzeugt Hitze, wo Isabelle kalt zu werden droht.

Ozon bietet zwar gleich eine ganze Reihe möglicher Erklärungen für das Verhalten der jungen Frau: Liegt es an dem außerehelichen Verhältnis der Mutter? Am Reiz der Gefahr? Oder am fehlenden Vater, der Isabelle zweimal im Jahr exakt den Geldbetrag gibt, den sie von ihren Lovern fordert?

Das Rätsel löst der Filmemacher keinesfalls. Mit der ihm eigenen Leichtigkeit lässt Ozon vieles in der Schwebe. Zu den 1960er-Jahre-Liedern der französischen Sängerin Francoise Hardy beobachten wir, was passiert. Zu verstehen brauchen wir es nicht.