Was soll Kino überhaupt noch? Die Frage schien über dem diesjährigen Festival von Cannes zu schweben. Einer der Großen der Filmkunst, der Regisseur Steven Soderbergh, der hier einst seine erste große Auszeichnung erhalten hatte, hielt im April eine Brandrede, in der er sich vom Filmemachen fürs Kino lossagte. Dort sei kein Platz mehr für Kreativität und Ambiguität, klagte er. In Cannes war er zwar vertreten mit seinem Film Behind the Candelabra, doch dieser war für den Fernsehsender HBO produziert worden und dort – nicht im Kino – erstmals der Öffentlichkeit gezeigt worden. 

Nun, nach 12 Tagen intensiven Filmezeigens, hat Cannes bewiesen, dass sehr wohl noch Raum ist für Kunstvolles, und die Jury traf eine sehr kluge Wahl mit dem, was sie am Ende auszeichnete.

Außerdem wirkt die Goldene Palme für La vie d’Adèle des französischen Regisseurs Abdellatif Kechiche für seine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen ausgerechnet am Ende des Tags, als in Paris erneut Menschen gegen die Eheschließung gleichgeschlechtlicher Paare demonstrierten, wie eine Stellungnahme. Selbst wenn der Filme lange vor Beginn dieser Proteste geplant und realisiert wurde. Da nutzt auch alles Abwiegeln des Jury-Präsidenten Steven Spielberg nichts: Die Geschichte eines lesbischen Paares hat tagespolitische Brisanz. Auch das macht Kunst aus: sie lässt sich auf das Hier und jetzt gesellschaftlicher Diskurse beziehen.

Der 52-jährige Kechiche und seine beiden Hauptdarstellerinnen Léa Seydoux und Adèle Exarchopoulos erhielten ungewöhnlicherweise den Preis gemeinsam. Schon während des Festivals, nach der Premiere und bei offiziellen Auftritten, schienen die drei wie enge Verwandte miteinander umzugehen, Kechiche wirkte wie ein stolzer Vater mit seinen beiden liebenden Töchtern. Der Film, der auf einer Graphic Novel basiert, erzählt die Geschichte von Adèle und Emma. Es ist eine lesbische Liebe, aber was den Film so bemerkenswert macht, ist nicht die Tatsache, dass wir zwei Frauen dabei beobachten, wie sie sich kennenlernen, lieben, zusammen leben und dann, Jahre später, wieder trennen. Bemerkenswert ist, wie viel Zeit Kechiche seinem Film gibt. Er beobachtet diese beiden Menschen ganz genau, viele entscheidende Situationen in Echtzeit: den Moment der ersten Begegnung, das erste Treffen, die erste gemeinsame Nacht, der große Streit.

Kechiche ist bekannt – bei manchen Produzenten dafür verschrien –  beim Filmen kein Ende zu finden. Seine Darstellerinnen versicherten in Cannes, man hätte locker noch einen weiteren Film aus dem vorhandenen Material schneiden können. Dabei dauert die fertige Fassung jetzt schon drei Stunden.

Keine Minute zu viel, betonte der Jurypräsident zu Recht. La vie d’Adèle ist der Film eines Mannes, der genau weiß, was er will, dafür kämpft und uns eine der sinnlichsten Liebesgeschichten seit Langem schenkt.

Ebenfalls begeistert von der Kritik aufgenommen wurde der neue Film der Regiebrüder Joel und Ethan Coen. In Inside Llewyn Davis schildern sie die Geschichte eines auf der ganzen Linie scheiternden Folkmusikers aus den 1960er Jahren in gewohnter Meisterschaft und mit all den Ingredienzen, die ihre Fans an ihnen lieben: mit einer Hauptfigur, die sich im Grunde selbst überschätzt, daher komisch wirkt, aber unsere volle Sympathie hat; voller klug-lakonischem Coen-Humor; mit wunderbarer Filmmusik und brillanten Darstellern wie John Goodman in skurrilen Nebenrollen. Und einer Katze. "Der Katze geht's gut", ließen die Coens denn auch ausrichten (sie waren schon nach Hause geflogen), nachdem sie den Großen Preis der Jury erhalten hatten. Mehr war gar nicht nötig.

Oder die Filme Nebraska des amerikanischen Regisseurs Alexander Payne und Le Passé ("Die Vergangenheit") seines iranischen Kollegen Asghar Farhadi. Nebraska ist ein schwarz-weißes Roadmovie durch drei amerikanische Bundesstaaten. Ein Vater macht sich mit seinem Sohn auf den Weg, einen Millionengewinn abzuholen, in der Brusttasche die Gewinnbenachrichtigung, von der jeder weiß, dass sie nicht das große Los ist, sondern lediglich ein Werbebrief. Bruce Dern spielt den alten Mann, der uns im Laufe des Films immer weniger verwirrt erscheint als vielmehr wie jemand, der schlicht an das Glück und seinen Traum glaubt. Für diese Rolle wurde er in Cannes ausgezeichnet.

Den Preis als beste Schauspielerin erhielt die Französin Bérénice Bejo für ihre Darstellung als Mutter einer Patchworkfamilie in Le Passé. Sie will sich von ihrem iranischen Mann scheiden lassen, der schon vor Jahren in seine Heimat zurückkehrte und nun nach Paris kommt, um die Trennung auch auf dem Papier zu vollziehen. Nach und nach kommt in den wenigen Tagen seines Aufenthalts ein Geheimnis ans Licht, in das eigentlich alle Familienangehörigen irgendwie seit Langem verstrickt sind.

Als sie auf die Bühne gerufen wurde, um ihre Auszeichnung entgegenzunehmen, konnte die sichtlich überraschte Bejo sich gar nicht schnell genug Beistand holen und winkte ihren Regisseur Farhadi dazu. "Ohne ihn wäre ich niemals so weit gekommen", sagte sie voller Dankbarkeit und natürlich hatte sie Recht: Farhadi ist ein sehr präziser Regisseur, der nicht die kleinste Bewegung seiner Darsteller improvisieren lässt, sondern alles absichtsvoll in Szene setzt.

All diese ausgezeichneten Filme waren schon während des Festivals überwiegend sehr positiv aufgenommen worden. Es sind Filme, die es uns leicht machen, das Kino zu lieben.