Greenwich Village, 1961 – ein junger Mann singt zu seiner Gitarre einen Folk Song, Hang me, oh, hang me until I 'm dead and gone. Es ist ein Auftritt, den er bitter nötig hat, denn er braucht Geld. Wo er heute Nacht schlafen soll, weiß er auch noch nicht. Also spielt er sich die Seele aus dem Leib. Er hat Talent und die Menschen im Publikum sind angetan. Irgendwo unter ihnen sitzt ein Kritiker der Times.

In ihrem neuen Film Inside Llewyn Davis folgen Ethan und Joel Coen eine Woche lang einem jungen Folk-Musiker durch New York bis hinauf nach Chicago, wo er vor dem allmächtigen Manager Bud Grossman spielt in der Hoffnung, endlich eine erfolgreiche Platte aufzunehmen. Nein, es ist nicht die Geschichte von Bob Dylan. Es ist die Geschichte von dem Typen, der an dem historischen Abend vielleicht vor ihm oder nebenan aufgetreten ist und nicht erfolgreich wurde, sondern auf der ganzen Linie scheitert. Wie oft bei den Coen-Brüdern ist es eine traurige Geschichte, während der man viel zu lachen hat.

Nach ihrem Erfolg True Grit (2010), ihrem Erfolg Burn after Reading (2008), ihrem Erfolg No Country for old Men (2007), nach einer ganzen Reihe gelungener Filme seit Fargo (1996) haben sie mit Inside Llewyn Davis jetzt in Cannes einen Film vorgestellt, der mutmaßlich wieder erfolgreich sein wird. Ethan und Joel Coen sind streng genommen genau die Falschen, um über das Scheitern eines Künstlers zu erzählen.

"Dem Film mangelt es an Plot", sagt Joel Coen nach der Premiere. "Deshalb haben wir die Katze reingeworfen." Diese Katze! Sie ist ein rotgestreiftes unschuldiges Luder und spielt – nun ja – so etwas wie eine metaphorische Rolle. Das macht sie sehr gut. Fast könnte man sagen, das Casting-Talent der Coens umfasst sogar das Tier. Schwer vorstellbar, dass ein anderes so aufreizend desinteressiert den Flur entlanggehen hätte können. Ganz sicher aber hätte niemand anders als die Coens sie geschickter in Szene setzen können: ein unendlich langer Gang, der immer schmaler zu werden scheint, und diese lautlose Sihouette, die sich langsam aus der Silhouette eines in die Nacht verschwindenden Schlägertypen herauslöst.

Das bedrohlich Brutale, dem Llewyn eben noch ausgeliefert war, wird überblendet von einem friedlich-sonnigen Morgen, an dem der Künstler spät erwacht. Erst am Ende des Films werden wir erkennen, dass es genau anders herum ist.

Ende der fünfziger Jahre und zu Beginn der sechziger, bevor Bob Dylan seine steile Karriere begann, lebte in New York eine ganze Szene ebenso junger wie fanatischer Folksänger in wirklich prekären Verhältnissen. Kaum einer schaffte es, ein Album aufzunehmen und falls doch, dann war es nicht erfolgreich. Die meisten Platten von den wenigen, die überhaupt verkauft wurden, gingen an Bibliotheken, die eine gewisse Verpflichtung spürten, altes Liedgut zu dokumentieren. Wenn das Geld, das sie während der allabendlichen Auftritte in kleinen Cafés verdienten, nicht mal für ein billiges Zimmer reichte, campierten die Künstler auf dem Sofa von Bekannten. Der Folkmusiker Dave Van Ronk hat die Situation in seinem autobiografischen Buch The Mayor of MacDougal Street beschrieben. In Inside Llewyn Davis bekommt man es nun veranschaulicht.

Llewyns Schwester steht für den großen Teil der amerikanischen Bevölkerung, der sich damals am nie gekannten wirtschaftlichen Aufschwung berauschte und Menschen wie die Folksinger belächelte, die sich dem Konsum verweigerten (aber natürlich trotzdem Geld zum Leben brauchten). In einer Großstadt wie New York gab es zwar auch wohlhabende kultivierte Leute wie Llewyns Gönner, das herrlich überzeichnete Ehepaar Gorfein, die sich für authentische Musik wie Folk begeisterten und sie förderten – diese Begeisterung konnte sich aber ebenso gut auf indigene Masken oder klassische alte Harfenstücke beziehen.      

Eine Szene nur für John Goodman

In Greenwich Village lebten zu der Zeit auch Bluessänger und Jazzer und die letzten Beatniks, die manchmal in den gleichen Clubs zwischen zwei Gesangeinlagen mehr oder weniger verrätselte Lyrik vortrugen. Auf die Folkmusiker schauten sie alle herab. Während der Fahrt nach Chicago muss sich Llewyn mit zwei von ihnen das Auto teilen – wahrlich kein Vergnügen für ihn. Ein umso größeres  für den Zuschauer. Garrett Hedlund als Poet raucht und schweigt bis auf die wenigen Zeilen, die er ungefragt aus seinem Gedicht rezitiert ("Oh bed"), und John Goodman gibt einen drogenabhängigen, absolut unerträglichen alten Sack, der von der Rückbank aus Llewyn verhöhnt ("Llewyn? Was ist das für ein Name? Gallisch? Oh shit!").

"Die Rolle haben wir extra für Goodman geschrieben", sagen die Coens. Es ist eine kleine Rolle, angelehnt an den Songwriter Doc Pomus, aber Goodmans Auftritt allein wäre es wert, den Film anzuschauen.

"Bob Dylan ist wie der Mount Rushmore"

Dass auch der Rest sehenswert ist, liegt an Oscar Isaac alias Llewyn Davis. Natürlich musste er für die Rolle gut singen und Gitarre spielen können. Aber vor allem zeigt er auf einnehmende Weise, wie tragisch selbstzerstörerisch ein Künstler veranlagt sein kann.  

Llewyn Davis verpasst große Chancen: Als er in Chicago endlich Grossman vorspielt, bietet der ihm zwar kein eigenes Album an, aber immerhin, in einem Trio mitzuwirken. Llewyn lehnt ab. Der Zuschauer ahnt: Es ist das Trio, aus dem wenig später die Gruppe Peter, Paul und Mary hervorgehen wird und eine lange Karriere – ohne Llewyn. Er legt sich mit Leuten an, die ihm verbunden sind und ihn unterstützen könnten (seine Schwester, die Gorfeins). Er erkennt die Liebe nicht, wenn sie vor ihm steht (nun, Carey Mulligan als Jean beschimpft ihn zwar als "triple asshole", aber es war zumindest mal Liebe). Er knüpft nicht das, was man heute ein Netzwerk nennen würde, weder mit dem musizierenden Gefreiten Troy Nelson noch mit dem Gesangskünstler Al Cody noch mit seinem Freund Jim (Justin Timberlake), sondern brüskiert die Menschen aus Dogmatismus. Alle. Dennoch gehört diesem Loser unser Herz.

Tausend versteckte Hinweise für Dylan- und Folk-Fans

Sie hätten sich nicht über die Folk-Szene lustig machen wollen, sagt Joel Coen. "Bob Dylan ist wie der Mount Rushmore." An dem Denkmal könne man nicht kratzen. "Aber lustige Anekdoten gibt es schon", kann er sich dann nicht verkneifen zu ergänzen.

Inside Llewyn Davis ist ein in jeder Hinsicht gelungener Film: ein runder Plot (was nicht nur an der Katze liegt); eine gekonnte Inszenierung; ein herausragender Hauptdarsteller; eine herausragende Nebenfigur; tausend versteckte Hinweise für die vielen Dylan- und Folk-Fans; viel Coen-Humor, für alle, die ihn lieben; und ausreichend Stoff zum Nachdenken in Zeiten, in denen Scheitern zum sozialen Ausschluss führt.

Eigentlich starrten sie nur die Wände in ihrem Büro an, haben die Coen-Brüder einmal in einem Interview über ihre Arbeitsweise gesagt. Diesmal erklären sie, worüber sie dabei nachgedacht haben: "Wir hatten das Bild vor Augen, dass Dave Van Ronk einmal vor dem Gerde's Folk City zusammengeschlagen wurde. Wir fragten uns, wie es dazu kommen konnte. Das hat ein paar Jahre gedauert." Fucking cool.