1.725 Tage Guantánamo

Wie bringt man das Grauen von Guantánamo auf die Leinwand, einem Gefängnis, dessen Existenz den Menschenrechten und dem internationalem Völkerrecht widerspricht? Wie viele Folterszenen mutet man dem Zuschauer zu? Zeigt man zu wenig Gewalt, setzt man sich dem Vorwurf der Verharmlosung aus. Zeigt man zu viel, drohen eine hohe Alterseinstufung und wenige Besucher im Kino. Der Regisseur Stefan Schaller geht in seinem Film 5 Jahre Leben über Murat Kurnaz einen gelungenen Mittelweg.

Mit einem Gebet an Allah beginnt der Film. Murat Kurnaz bittet um Beistand, die Verhörspezialisten stehen bereit, um aus ihm herauszupressen, wie er zum vermeintlichen Terroristen wurde. Doch der in Bremen aufgewachsene Deutschtürke weiß nichts, kann nichts erzählen und wird deswegen immer wieder gefoltert.

Obwohl Kurnaz' Leben alles für einen Politthriller bietet oder für ein Psychogramm des Kriegs gegen den Terror, wagte sich lange kein Regisseur, kein Produzent an diesen Stoff. Der 30-jährige Stefan Schaller hat die Geschichte nun verfilmt, 5 Jahre Leben ist seine Diplomarbeit an der Filmakademie Baden-Württemberg. Schaller ergreift Partei für Kurnaz, bleibt stets nah an seinem Protagonisten. Dessen Autobiografie Fünf Jahre meines Lebens lieferte die Vorlage für das Drehbuch. Der Regisseur hat in seinem Debüt einen beeindruckenden Film vorgelegt und ist nicht in die Fallen getappt, die das Thema birgt. Er konzentriert sich auf die Konfrontation des Gefangenen mit dem amerikanischen Verhörspezialisten Gail Holford (Ben Miles). Gekämpft wird mit Halbwahrheiten, Lügen, Drohungen, Falschinformationen.


Die Vorgeschichte hält Schaller bewusst knapp. Warum Kurnaz in Guantánamo ist, wissen wohl fast alle Zuschauer. Die wenigen, die den Fall nicht aus Presse und Fernsehen kennen, erfahren aus den Verhörfragen, was dem Deutschtürken vorgeworfen wird. Er selbst weiß es lange nicht.

5 Jahre Leben legt vor allem die psychologische Folter offen. So erzählt der Verhörspezialist Holford seinem Gefangenen, er dürfe nun endlich Guantánamo verlassen. Kurnaz bekommt einen Burger zu essen statt trockenem Brot, er wird zu einem Hubschrauberlandeplatz gebracht. Eine Maschine landet, Kurnaz soll sich hineinsetzen. Doch abheben wird der Helikopter ohne ihn. Ein Sondertrupp der Militärpolizei zieht den Gefangenen wieder heraus, schlägt ihn mit Knüppeln zusammen und schleift ihn in die Zelle zurück. Kurnaz bricht zusammen.

An einem anderen Tag gibt der amerikanische Agent dem "Bremer Taliban", wie deutsche Medien Kurnaz tauften, einen Brief seiner Mutter. Mit zittrigen Händen entfaltet dieser das Schreiben, doch außer dem Briefkopf sind alle Zeilen geschwärzt.

Isolationshaft, Kälte- und Wärmekammer, Dauerbeschallung mit Heavy-Metal-Musik

Dem jungen und wenig bekannten Schauspieler Sascha Alexander Geršak ist es zu verdanken, dass Kurnaz' Leiden auch ohne explizite Folterszenen wie in Kathryn Bigelows Film Zero Dark Thirty deutlich werden. Ben Miles als sein Konterpart Holford zeigt auf beeindruckende Weise die ambivalente Rolle des Verhörspezialisten. Mal tritt er als Kurnaz' einziger Freund auf, als der Mann, der ihn aus Guantánamo herausbringen kann. Dann schaltet er auf Feindschaft um. Brüllt den Häftling an, beleidigt ihn, befiehlt seine Bestrafung: Isolationshaft, Kälte- und Wärmekammer, Dauerbeschallung mit lauter Heavy-Metal-Musik. Er versucht Kurnaz dazu zu bringen, ein falsches Geständnis zu unterschreiben.

Kurnaz' Beziehung zu Holford wandelt sich permanent. Sympathie folgt auf Hass, Resignation auf Wut. Doch bei aller Brutalität im Umgang mit dem Gefangenen zeigt Regisseur Schaller auch den Holford nicht als reinen Sadisten. Holford vermisst seine Familie, scheint seinen Job in Guantánamo nicht zu mögen. Er erledigt ihn für sein Land, für die Sicherheit der US-Bürger.

Für den Gefangenen Kurnaz ist das nicht weniger gefährlich. Denn der Amerikaner bekommt Druck von seinen Vorgesetzten. Er braucht einen Erfolg, er braucht Informationen von Kurnaz. Je länger sich dieser weigert, ein Geständnis zu unterschreiben, desto verzweifelter und brutaler tritt Holford auf.

Als Kurnaz erkennt, dass ihm sowieso niemand glauben wird, beginnt er gegen das System zu kämpfen. Der Spannungsbogen erreicht hier seinen Höhepunkt. Und dann endet der Film einfach. Er bricht ab nach den ersten zwei Jahren Guantánamo. Dieser Schnitt wird manchen Zuschauer recht ratlos zurücklassen. Die ganze Geschichte liefert dann doch wieder Kurnaz' Autobiografie. Erst nach drei weiteren, langen Jahren kann er nach Bremen zurückkehren. Hinter ihm liegen 1.725 Tage Gefangenschaft.