ZEIT ONLINE: Ihr Epos über den Terroristen Carlos und ihr neuer Film Die Wilde Zeit spielen beide in den siebziger Jahren. Die Wilde Zeit handelt von einem Pariser Studenten, gespielt von Clément Métayer, der zwischen seinem politischen Engagement und seinen künstlerischen Ambitionen hin- und hergerissen ist. Wie autobiografisch ist dieser Film?

Olivier Assayas: Mir ging es darum, die Haltung dieser Zeit so genau wie möglich einzufangen. Ich habe den Film zunächst auf meinen Jugenderinnerungen aufgebaut und dazu bestimmte Momente, Orte und Referenzpunkte aus meiner eigenen Biografie benutzt. Aber der Prozess des Filmemachens treibt einen schon bald wieder weg von den eigenen Erlebnissen. Wenn man einen Roman schreibt, feilt man solange an den Formulierungen und steigt immer tiefer in bestimmte emotionale Situationen ein, bis man sie genau so zu Papier gebracht hat, wie man sie damals empfunden hat. Beim Filmemachen ist es genau umgekehrt. Man fängt mit seinen persönlichen Erinnerungen an, aber dann castet man Schauspieler, die ganz anders sind als man selbst, dreht an Orten, an denen die tatsächlichen Ereignisse nicht stattgefunden haben, folgt einer Idee, die die Erzählung voranbringt, auch wenn sie den eigenen Erlebnissen nicht entspricht. Dieser Prozess bringt einen immer weiter weg von den persönlichen Erlebnissen hin zu einer kollektiven Sicht auf die Historie.

Die Story von Gilles würde keinen Sinn machen, wenn sie nicht in die Geschichte der Menschen um ihn herum eingebunden wäre. Man definiert sich nicht nur durch das, was man getan hat, sondern auch durch das, was man selbst nicht, aber möglicherweise die Freunde um einen herum getan haben.

ZEIT ONLINE: Welche Aspekte dieser revolutionären Ära wollten Sie in Ihrem Film vertiefen?

Assayas: In Frankreich gab es zwischen der linken Bewegung und der Gegenkultur große Spannungen. Die französische Linke lehnte alle Einflüsse aus den USA oder England ab, weil ihre Anhänger der Meinung waren, dass Pop-Musik, Folk-Rock oder britsche Underground-Musik die jungen Arbeiter nur von ihren sozialrevolutionären Pflichten abhielte. Das alles wurde als bürgerlich abgetan. Lediglich der Free-Jazz zählte. Im Laufe der siebziger Jahre vertiefte sich die Kluft noch, weil die Linke immer doktrinärer wurde und noch rigidere Ansichten vertrat.

ZEIT ONLINE: Wie hat sich diese "wilde Zeit" auf die Entwicklung der heutigen Gesellschaft ausgewirkt?

Assayas: Die politische Revolution, von der damals viel geredet wurde, ist ausgeblieben, aber es hat eine Revolution des alltäglichen Lebens stattgefunden. Die Gegenkultur der Siebziger hat individuelle Freiheiten ermöglicht, die die moderne Gesellschaft grundlegend verändert haben. Ob das gut oder schlecht ist, wage ich allerdings nicht zu beantworten.