Walter White fährt in einem rostbraunen Auto vor sein früheres Haus. Halbstarke Skateboarder nutzen den Pool als Halfpipe. Das Haus ist heruntergekommen, wie ausgehöhlt, als er es betritt. Nur ein Graffiti leuchtet an der Wand: "Heisenberg" steht dort in großen, gelben Buchstaben, wie eine Warnung. Der Mann, den sie Heisenberg nennen, bleibt kurz stehen, betrachtet es, schaut in den Spiegel und verlässt die Szene.

So beginnt die  jüngste Folge von Breaking Bad. Es ist die erste von acht abschließenden Episoden der Serie. Dann ist nach fünf Staffeln endgültig Schluss. Ein ganzes Jahr hatte das Team um Produzent und Autor Vince Gilligan für diese acht Episoden Zeit. Schon das unterstreicht die Wichtigkeit dieses Unterfangens. Bereits Wochen vor der Ausstrahlung diskutierten die Menschen über das mögliche Ende: Gibt es noch einen Ausweg für Walter White?

Der amerikanische Albtraum

Der Aufstieg und Fall des Antihelden geht Hand in Hand mit der Entwicklung der TV-Serien der vergangenen 20 Jahre. Der Bezahlsender HBO etablierte mit Serien wie Oz, The Sopranos und The Wire zum Ende der neunziger Jahre hin den seriellen Charakter von Fernsehserien, die sich über Jahre hinweg weiterentwickeln. Andere Sender folgten und mit ihnen entstanden einige der bekanntesten Antihelden der Fernsehgeschichte. Tony Soprano, Don Draper aus Mad Men, der moralische Serienmörder Dexter, Nicholas Brody aus Homeland und eben Walter White. Es sind Charaktere, die den Zuschauer festnageln zwischen Sympathie und Abneigung.

Breaking Bad wird oft als der amerikanische Albtraum bezeichnet. Ein einfacher Familienvater gerät auf die schiefe Bahn, sein Leben entgleist ihm. Der Chemielehrer Walter White ist gefangen zwischen zwei schlecht bezahlten Jobs und der Verpflichtung gegenüber seiner schwangeren Frau und seinem kranken Sohn. Als bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert wird, entschließt er sich für einen letzten Ausweg. Gemeinsam mit seinem ehemaligen Schüler Jesse Pinkman beginnt er, unter dem Decknamen Heisenberg das beste Crystal Meth der gesamten Region zu produzieren. Stets mit der Rechtfertigung, seine Familie für die Zeit nach seinem Tod finanziell abzusichern.

Walt war nie ein gewöhnlicher Mann

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Walter White war nie ein gewöhnlicher Mann. Schon gar nicht in seinen eigenen Augen. Die Rettung seiner Familie mag zu Beginn tatsächlich seine Hauptmotivation gewesen sein. Doch mit Walts zunehmendem Erfolg als Drogenproduzent wird deutlich: Hier geht es vor allem um die Rettung seines Egos. Im Laufe der Serie erfährt man: Walt war einst ein aufstrebender Chemiestudent in einem Team, das schließlich den Nobelpreis gewann. Er gründete ein Unternehmen, das er jedoch verließ, bevor es erfolgreich wurde. Bis heute hat Walt nicht mit dieser Erniedrigung abgeschlossen.

Wie Anthony O. Scott in der New York Times schreibt, erzählt Breaking Bad nicht die Veränderung eines Helden zum Antihelden. Die Serie handelt vielmehr vom Weg eines Antihelden hin zum Soziopathen. "Was ich will, was ich brauche … ist eine Wahl", sagt Walter in einer der ersten Episoden nach seiner Krebsdiagnose. Er  hat sie. Immer und immer wieder.  Die Wahl, einfach das Geld seines früheren Firmenpartners anzunehmen, anstatt ins Drogengeschäft einzusteigen. Die Wahl auszusteigen, solange es noch geht. Mit jeder Staffel werden Walters Entscheidungen gewalttätiger, die Lügen größer, genau wie sein Ego. Freunde, Familie und Geschäftspartner geraten in seinen Strudel und verschwinden links wie rechts.

Während Walter immer skrupelloser wird, entwickelt sich sein Kompagnon, der Teilzeit-Junkie Jesse, zum moralischen Kompass der Serie. Über fünf Staffeln hinweg war es das außergewöhnliche Verhältnis zwischen ihm und seiner Quasi-Vaterfigur Walt, das für Spannung – und Anspannung – sorgte. Jetzt, zum Ende der Serie, ist das Verhältnis der beiden Protagonisten zerrüttet wie nie – das vielleicht deutlichste Anzeichen für ein baldiges Ende. Während sich Walter der Illusion des normalen Lebens hingibt, wirft ein sichtlich angeschlagener Jesse das "Blutgeld" aus dem Drogengeschäft bündelweise aus dem fahrenden Auto.