Immer mal wieder fragt man sich, warum die islamische Welt nicht längst einen "Jungen Werther" hervorgebracht hat – einen Autor, der gegen das Elend und die Heuchelei seiner Väter zu Felde zieht. Dann fällt einem auf, dass es die Figur längst gibt: Aber sie ist ein Mädchen. Und es ist auch kein Bildungsroman, sondern ein Comic: Burka Avenger heißt eine Zeichentrickserie, die derzeit Pakistan erschüttert.

Der Popstar Aaron Haroon Rashid hat sie sich ausgedacht, nach dem Muster von Catwoman und Batman: Die sanftmütige junge Jiya, Lehrerin an einer Mädchenschule, schlüpft in die Burka und wird zur wütenden Rächerin der Unterdrückten. Ihre Waffen sind Bücher und Stifte. Ihre Gegner sind ein korrupter Politiker und der böse Zauberer Baba Bandook, der einen Turban trägt und spitze Reißzähne hat.

Das mag nach Reißbrett klingen, ist für Pakistan aber Zündstoff. Die erwachsenen Zuschauer dort haben nicht lange gebraucht, um Burka Avenger mit dem Fall der inzwischen 16-jährigen Aktivistin Malala Yousafzai in Verbindung zu bringen. Malala war von den Taliban in den Kopf geschossen worden, nachdem sie sich in einer fabelhaften und erschütternden Video-Dokumentation der New York Times begeistert für das Lernen in der Schule ausgesprochen und ein anonymes Tagebuch über das Leben ihrer Familie im SWAT-Land für die BBC geschrieben hatte.

Neben viel Zustimmung und Begeisterung stieß Burka Avenger auch auf heftige Kritik – in unerwarteter Konstellation. Feministinnen wie die Bloggerin Bina Shah kritisierten die Serie scharf: "Bei uns nennt man Burka-tragende Frauen Ninja Turtles, weil sie sich in der Öffentlichkeit aggressiv benehmen und glauben, die Burka gäbe ihnen religiöse Überlegenheit und die moralische Autorität, die Regeln nach ihrem Gutdünken zu brechen, vor allem beim Autofahren."

In Pakistan ist die Burka nicht vorgeschrieben, nicht alle Frauen tragen eine. Bina Shah ist dagegen, die Burka jetzt im Fernsehen zu glorifizieren: "Pakistanische Mädchen und Frauen müssen wissen, dass es nicht naturgegeben ist, dass sie sich verstecken, verhüllt von meterweise schwarzem Stoff, um ihre Gegenwart in der Gesellschaft akzeptabel oder ungefährlich zu machen." Es wäre schrecklich, wenn kleine Mädchen jetzt anfinden, die Heldin nachzuahmen.

Jiya ist die erste weibliche Heldin des modernen Pakistan

Der Regisseur zeigt sich von der Kritik ungerührt. Weil Jiya eben eine Frau sei, hätte man ein passendes Kostüm finden müssen, ihre Identität zu verstecken. Ein Kostüm wie das von Catwoman oder Wonder Woman hätte "in Pakistan nicht funktioniert", sagte Haroon in der Times.

Burka Avenger mag ästhetisch und politisch nicht auf der Höhe von Persepolis sein, dem großen Comic-Bildungsroman der Iranerin Marjane Satrapi. Trotzdem ist Jiya die erste weibliche Heldin des modernen Pakistan überhaupt. Die Anspielungen auf den Fall Malala sind unübersehbar. Die Waffen Bücher und Stifte sprechen eine klare Sprache.

Es ist sehr die Frage, ob kleine Mädchen das Vorbildliche eher in der Burka, oder nicht vielmehr im Mut, Humor und der wilden Lebensfreude der Heldin sehen. In den nächsten Folgen geht es um Stromausfall, Umweltverschmutzung und Kinderarbeit.