ZEIT ONLINE: Der Roman ist ja mit einer großen gynäkologischen Detailfreude geschrieben. Wie setzt man so etwas filmisch um?

Wnendt: Der Roman enthält einige pornografische Elemente, aber ich wollte keinen Film machen, der die Geschichte auf diese Dimension reduziert. Ich wollte mich aus dem Klammergriff befreien und zeigen, welcher Reichtum in dem Roman steckt. Der natürliche Umgang mit Nacktheit und Sexualität war mir wichtig, aber es sollte beim Zuschauen nicht darum gehen, wie krass wir diese oder jene Szene umgesetzt haben. Die Balance zwischen Offenheit und der Vermeidung von Voyeurismus mussten wir von Szene zu Szene immer wieder neu finden. Wir haben den Film gestaltet wie eine Praline. Auf den ersten Blick kommt er sehr schön und farbenfroh daher. Trotzdem steckt ein kleiner, gemeiner, giftiger Kern unter der Oberfläche.

ZEIT ONLINE: Der Kampf gegen Hygiene ist ein zentrales Thema für die Protagonistin Helen, die sehr überzeugend von Carla Juri gespielt wird. Wofür steht Helens Affinität zu Körpersekreten aller Art?

Wnendt: Das Schöne am Buch ist ja, dass das nicht monokausal erklärt wird. Helens Neurosen und ihr Umgang mit dem eigenen Körper haben viel mit ihrer Familie zu tun und dem, was ihr in der Kindheit widerfahren ist. Aber zum Glück wird die Figur nicht hundertprozentig auf dieses psychologische Erklärungsmuster reduziert. Das ist nur ein Aspekt. Sie hat Interesse an bestimmten Formen von Sexualität, einfach weil es ihr Spaß macht, es natürlich ist und sie nicht versteht, warum das so oft unter den Teppich gekehrt wird. Ihre offene Haltung zu Sexualität steht für sich selbst als Wert, der nicht wegpsychologisierbar ist. Eine Frau kann ihre Sexualität ausleben, ohne dass sie einen Knacks haben muss.

ZEIT ONLINE: Helen bezeichnet sich im Buch als ein sehr "zeigefreudiges" Wesen. Wie schwer war es, eine "zeigefreudige" Darstellerin zu finden?

Wnendt: Das war sehr schwierig, weil wir heute, was Schauspielerinnen angeht, nicht gerade in einer "zeigefreudigen" Phase leben. Es gibt viele Darstellerinnen, die eigentlich kein Problem damit haben, sich vor der Kamera auszuziehen, allerdings Angst haben, was in den Medien daraus gemacht wird. Im Netz gibt es Websites, die Nacktszenen von Schauspielerinnen aus deren Filmen sammeln und diese wie auf einer Pornoseite präsentieren. Andere Darstellerinnen, die wir zum Casting einluden, hatten bei Feuchtgebiete Angst, dass sie vielleicht hinterher an der Kasse im Supermarkt beschimpft werden. Ich habe versucht, beim Casting mit meinen Erwartungen so transparent wie möglich umzugehen. Komplette Nacktheit war bei dem Film Bedingung, aber es war klar, dass es keine expliziten Sexszenen geben wird, also keine Penetration vor laufender Kamera.

ZEIT ONLINE: Der Roman ist vollständig als innerer Monolog geschrieben und spielt fast ausschließlich in einem Krankenhauszimmer. Das klingt in filmischer Hinsicht erst einmal nicht so sexy.

Wnendt: Genau diese Herausforderung hat mein Interesse geweckt. Hier war von Anfang an klar, dass man das Buch stark adaptieren und etwas Eigenes schaffen muss. Das hat etwas Befreiendes. Wir haben die Welt von Helen weiter geöffnet. Man sieht viel mehr aus ihrer Kindheit, von ihrer Familie und ihren Freunden. Ereignisse, die im Buch nur mit ein paar Sätzen skizziert sind, haben wir zu eigenen Szenen ausgebaut und damit wird die Welt außerhalb des Krankenhauses größer und gewichtiger.

ZEIT ONLINE: Wie stark war Charlotte Roche an dem Film beteiligt?

Wnendt: Feuchtgebiete ist natürlich ihr Herzenswerk. Am Anfang war sie stark involviert, hat den Produzenten ausgesucht, dem die Rechte übertragen wurden. Sie hat auch mich kennengelernt und die erste Drehbuchfassung gelesen. Aber danach hat sie sich konsequent ausgeklinkt. Mittlerweile hat sie den Film gesehen und zum Glück hat er ihr gut gefallen. Da war ich doch sehr erleichtert.