ZEIT ONLINE: Signore Barbera, was muss ein Filmfestchef ins Amt mitbringen?

Alberto Barbera: Liebe, Leidenschaft, Neugier für den Film, das ist das Wichtigste. Dazu kommt ein Händchen fürs Diplomatische, im Umgang nicht nur mit Regisseuren und Produzenten, sondern zunehmend auch mit Agenten, Weltvertrieben und Verleihern. Und: Man muss organisieren können. So ein Festival ist eine riesige, komplexe, empfindliche Maschine.

ZEIT ONLINE: Was ist für Sie die größte Herausforderung?

Barbera: Die Programmauswahl. Die Gefahr, sich zu irren, lauert an jeder Ecke. Jedes Jahr werden mehr Filme zu den großen Festivals eingereicht. In kaum zehn Wochen haben wir 1.600 Langfilme und etwa 3.000 Kurzfilme gesichtet. Wir sind zu siebent im Auswahlkomitee – und nur 100 Filme konnten wir schon vorher sehen, von März bis Mai. Das fordert enorme Konzentration: Man muss praktisch sofort entscheiden und zugleich auf eine gewisse Harmonie und Kohärenz der ausgewählten Filme achten. Schwierig ist es auch, manchmal Nein zu sagen zu Regisseuren, die man gut kennt und die vielleicht sogar Freunde sind. Doch diesen Mut muss man aufbringen.

ZEIT ONLINE: Vor Ihrer Rückkehr im vergangenen Jahr auf diesen Posten haben Sie schon drei Venedig-Festivals verantwortet. Wie ist der Neustart gelaufen?

Barbera: Ich kam mit drei Zielen wieder: das Programm verschlanken, einen Filmmarkt gründen und etwas für den Regienachwuchs tun. Das hat sehr gut funktioniert. Mit weniger Filmen – wir zeigen auch dieses Jahr rund 60 – verpasst man weniger, und der Rhythmus ist für den Zuschauer nicht so frenetisch und chaotisch. Der Filmmarkt, zwar noch keine Messe wie in Cannes oder Berlin, wird weiter wachsen. Und unser Projekt Biennale College Cinema, mit dem wir jeweils binnen eines Jahres drei junge Filmemacher von der Idee bis zum fertigen Film fördern, fand große internationale Resonanz. Nun zeigen wir die ersten Ergebnisse, sie sind gut geworden.

ZEIT ONLINE: Andererseits leidet Venedig unter einer stark renovierungsbedürftigen Infrastruktur. Wo ein neuer Festivalpalast hin sollte, gähnt noch immer eine stillgelegte Baugrube, das berüchtigte "Loch".

Barbera: Ja, die Logistik auf dem Lido ist armselig. Hier ist 30 Jahre lang quasi nichts passiert. Nun gehen wir schrittweise vor, mit der Renovierung und dem Ausbau der großen Säle, mit neuen kleineren Kinos, die Architekten sind an der Arbeit. Auch anstelle des "Lochs" soll ein Kino entstehen, der Palazzetto del Cinema.

ZEIT ONLINE: Sie amtieren bis 2015. Ist bis dahin das "Loch" tatsächlich weg?

Barbera: Dafür ist die Stadt Venedig zuständig. Die Finanzierung ist schwierig, aber ich bin optimistisch, dass das in den nächsten Jahren klappt.

ZEIT ONLINE: Zur Filmauswahl: Gibt es ein Generalthema, das diesmal die Regisseure besonders beschäftigt?

Barbera: Eindeutig die Krise unserer Gesellschaft, der Zusammenbruch eines Wertesystems. Das äußert sich vor allem in der Familie. In vielen Filmen geht es um Kinder, Jugendliche, die sich selbst überlassen sind. Wenn die Eltern als Vorbild, als Schlüssel zur Welt, fehlen oder versagen, werden die Kinder oft zu Opfern von Gewalt, von der Kindesmisshandlung über die Pädophilie zur Prostitution. Diese körperliche, sexuelle Gewalt ist eine Metapher dafür, wie extrem unsere Gesellschaft leidet.

ZEIT ONLINE: Der Film Die Frau des Polizisten des deutschen Regisseurs Philip Gröning, den Sie für den Wettbewerb ausgewählt haben, erzählt eine solche Familiengeschichte. Gab es starke andere deutsche Konkurrenten?

Barbera: Offen gestanden, nein. Philips Film haben wir schon im April ausgewählt. Es ist ein radikaler, ästhetisch innovativer, auch experimenteller Film. Die Erzählung explodiert in Fragmente, die der Zuschauer für sich zusammensetzen muss. Erst schreckte ich davor zurück, diesen Dreistundenfilm im Wettbewerb zu platzieren. Dann zeigte ich ihn meinem Auswahlkomitee, und alle waren fasziniert.