Jung sieht Frank Plasberg aus, sein Schnauzer ist zeitgemäß und das Mikro schmucklos. Doch er hält es schon mit jener drängelnden Lässigkeit, die ihn noch heute kennzeichnet. Kaum zu glauben, dass der harte, aber faire Talkshowhost im August 1988 Akteur einer echten Katastrophe der Medienkultur war. "Es hatte was von einem geordneten Verfahren", schilderte Plasberg in einer Dokumentation zu Gladbeck, wie er sich vor 25 Jahren artig in die Reihe enthemmter Reporter zum Interview mit Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner samt ihrer zwei Gefangenen einreihte.

Um eine Fotostrecke zum Gladbecker Geiseldrama zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild. © Thomas Wattenberg/dpa

Es war ein journalistischer Sündenfall. Die Disziplin der Presse war das einzig Geordnete in diesen 54 Stunden zwischen einem Bankraub und seinem blutigen Ende. Ansonsten herrschte blankes Chaos: Polizisten ohne Konzept, Politik ohne Einfluss und Medien ohne Ethos machten den Fall zum "spektakulärsten Verbrechen der Nachkriegszeit", wie es Bremens damaliger Innensenator Bernd Meyer beschreibt. "Sowohl von der kriminellen Energie als auch von der Öffentlichkeitswirkung her."

In der Tat. Denn das erste fast vollständig gefilmte Verbrechen der Bundesrepublik, im Osten nur eine Randnotiz wert, war mit drei Toten und dem Urteil "lebenslang" für Degowski und Rösner nicht nur besonders spektakulär; erstmals standen in der Mediengesellschaft die Medien selbst derart im Fokus der Kritik. Nicht einzelne Genres wie der Boulevard oder einzelne Magazine wie der Stern, sondern die ganze Branche.

Hätte das Flugunglück von Ramstein zehn Tage nach dem Ende der Geiselnahme nicht die mediale Aufmerksamkeit wieder umgelenkt, hätte es vielleicht gar einen Reinigungsprozess gegeben. So aber ersetzte eine Sensation die andere und es blieb bei der Ergänzung des Pressekodexes um die Selbstverpflichtung, künftig kein "Werkzeug von Verbrechern" mehr zu sein.

Ein Fall wie Gladbeck schien davor undenkbar zu sein: Rasende Reporter zwischen Verfolgten und Verfolgern, Bankräuber im Interview in überfüllten Fußgängerzonen. Nachdem Hans Meiser in der besetzten Bank angerufen und nach dem Fluchtauto gefragt hatte, heftete sich ein Pressemob ans Heck und behinderte die Polizei. Der Geiselnehmer Rösner sagte vor laufenden Kameras: "Ich scheiß' auf mein Leben", und 13 Millionen Zuschauer waren live dabei.

Was folgte, war eine heilsame Debatte

Eine Topquote für eine Bombenshow. Erst 1985 hatte Neil Postman gemutmaßt, im kommerziellen TV-Zeitalter gehe alles in Unterhaltung auf, drei Jahre später lieferte das Gangster-Event den Beleg. Gladbeck trieb den Journalismus tief ins Entertainment und vermengte wie nie zuvor Nähe mit Relevanz, Teilhabe mit Erkenntnis. "Wir waren wie berauscht", versuchte Udo Röbel vom Kölner Express 2008 in der Dokumentation zu erklären, warum er das Fluchtauto vom Beifahrersitz aus zur Autobahn gelotst hatte. Ein Eingriff, den der spätere Bild-Chef an gleicher Stelle damit rechtfertigte, alle seien "geil auf die Story" gewesen. So geil, dass ein dpa-Reporter auf Verfolgungsjagd selbst angeschossen zu News wurde und Radioreporter Plasberg sein Mikro so dicht unter Entführernasen hielt, dass das SEK ringsum nur deshalb nicht zugriff, weil wohl irgendein Journalist, wie deren Einsatzleiter Spiegel TV zu Protokoll gab, "versucht hätte, das entscheidende Foto zu machen".

Selbst die Tagesschau illustrierte ihre Berichte mit Bildern aus Köln, wo die Täter kurz vor ihrer Festnahme eine Art Pressekonferenz in der Fußgängerzone abhielten. Zumindest schloss der Beitrag seinerzeit mit einer Medienkritik von Presserat bis Polizeigewerkschaft.

Was folgte, war eine heilsame Debatte. Denn auch wenn der Boulevard zusehends mit seinen Themen verschmilzt, hat sich die seriöse Presse nie mehr so grotesk gemein mit den ihren gemacht wie damals. Als der rassistische Mob vor dem Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen stand, interviewten die Reporter zwar auch Nazis, das sorgte aber auch für Gegenmobilisierung. 

Es ist nicht immer eindeutig zu beantworten, ob und wie man Kritik mit dem Kritisierten bebildern darf. Weil die Erregungsgesellschaft jedoch weder Zaudern noch Moral duldet, findet diese Abwägung selten statt. Und mit jeder Grenzübertretung, jedem Skandal um des Skandals Willen nimmt das Image des Journalismus weiteren Schaden. Weil Gladbeck gezeigt habe, "was passiert, wenn der Jagdtrieb mit Journalisten durchgeht", sagte Frank Plasberg vor zwei Jahren reuig, "würde ich das heute nicht mehr machen".

Das Publikum sieht das offenbar anders. Als der NDR mal Die bewegendsten TV-Momente wählen ließ, landete das Geiseldrama auf Platz 13 – knapp vor Lady Di’s Hochzeit.