ZEIT ONLINE: In der Doku-Serie Auf der Flucht reist eine Gruppe Deutscher die Routen von Flüchtlingen nach: Eine Schauspielergattin, ein Exnazi, eine Streetworkerin und eine Sarrazin-Anhängerin. Ist der gewaltige Shitstorm, der nun auf das ZDF niedergeht, gerechtfertigt?

Thorolf Lipp: Die Resonanz auf das Format zeigt zumindest, dass es hierzulande aufgrund unserer Vergangenheit einen Nerv getroffen hat. In Australien dagegen, wo es zuvor in nahezu identischer Form gelaufen ist, gab es offenbar kaum Kritik.

ZEIT ONLINE: Den ersten Teil auf ZDFneo sahen gerade mal 60.000 Menschen, also 0,3 Prozent des Publikums. Dennoch gab es Tausende kritische Tweets und Kommentare. Am Donnerstag stellten sich die Macher von Auf der Flucht im Chat den Fragen der Zuschauer.

Thorolf Lipp: Das deutsche Publikum scheint mir besonders sensibilisiert zu sein für solche Themen; es gibt vergleichsweise umfassende Medienbildung, einen starken postkolonialen Diskurs, unzählige Initiativen, die sich mit der Asylrechtsproblematik befassen. Wenn ein so vielschichtiges Thema gebührenfinanziert mit derart eindimensionaler Haudrauf-Dramaturgie bearbeitet wird, werte ich es als positives Signal, dass die Zuschauer nicht so dumm sind, wie viele Redakteure uns glauben machen möchten. Deshalb nehmen wir als Filmverband der Dokumentaristen interessiert zur Kenntnis, dass es diesen Shitstorm gibt und weisen gern auf dokumentarische Ansätze hin, die dem öffentlich-rechtlichen Auftrag in Forum und Inhalt weit mehr genügen als das, was in bestimmten Redaktionen als massenkompatibel erachtet wird.

ZEIT ONLINE: Sind Doku-Soap und Unterhaltung also generell für seriöse Informationen ungeeignet?

Thorolf Lipp: In der Regel schon. Auf der Flucht ist jedenfalls ganz gewiss keine Aufklärungsarbeit, sondern reine Selbstinszenierung. Was sich hier dokumentarisch geriert, ist von A bis Z Fiktion. Gerade Zuschauer, die weniger medienkompetent sind, werden dadurch letztlich gezielt getäuscht.

ZEIT ONLINE: Wie hätte man das vermeiden können?

Thorolf Lipp: Auf diese Frage hat der Dokumentarfilm schon vor 50 Jahren eine Antwort im Cinema Verité gefunden: den filmischen Prozess bewusst offenlegen. Man hätte hier zum Beispiel die Kamerateams zeigen oder deutlich machen können, inwiefern Regisseure und Macher das Geschehen steuern. Für unerfahrenere Zuschauer ist dieser Einfluss nicht zwingend erkennbar. Es gibt verschiedene Untersuchungen, in denen man Versuchspersonen Scripted Reality vorgeführt hat.

ZEIT ONLINE: Also scheinbar echte Situationen, die nach Drehbuch gefilmt werden.

Thorolf Lipp: Bis zu 80 Prozent erkennen nicht, dass es sich um Inszenierungen handelt. Aber Auf der Flucht ist noch wegen ganz anderer Aspekte die falsche Herangehensweise an dieses sensible Thema. Besonders problematisch finde ich, dass die eigentlich Betroffenen, also die Flüchtlinge, bloß als exotische Kulissenschieber gebraucht, ja sogar missbraucht werden. Es geht dem ZDF gar nicht in erster Linie um die Thematik Flucht und Asyl. Die plotbasierte Dramaturgie der Heldenreise – sechs Deutsche machen sich stellvertretend für uns auf den Weg, um etwas über die Welt zu lernen – soll Quote generieren. Wir sehen hier eine durchkalkulierte Fernsehmaschinerie, bei der es letztlich keinen Raum für Überraschungen geben darf. Bei Auf der Flucht ist alles stets affirmativ.