Zur Finanzierung  seines jüngsten Projekts fehlten dem Regisseur Steven Soderbergh am Ende fünf Millionen Dollar. Also hat der Independent-Filmemacher, der 1989 mit Sex, Lügen und Video als jüngster Regisseur überhaupt in Cannes die Goldene Palme gewann, das Lager gewechselt und sich das Geld vom Pay-TV-Sender HBO besorgt. Der Film, mit dem er im Mai dann doch wieder nach Frankreich eingeladen wurde, ist ein Fernsehfilm. Das konnte als einigermaßen außergewöhnlich gelten für dieses Festival, das sich gerne als Fest der Kinokunst feiert.

Liberace – Zu viel des Guten ist wunderbar erzählt die Geschichte des schwulen Pianisten und Entertainers Liberace, der von den fünfziger bis in die siebziger Jahre hinein unfassbare Erfolge in den USA feierte. Zunächst als begnadet schneller Klavierspieler klassischer Stücke, später als Showtalent in Las Vegas. Im Film sieht er aus, als hätte man Elton John auf Lady Gaga gestylt. Menschen, die Liberace noch persönlich kannten – wie der Hauptdarsteller Michael Douglas – sagen, dass er tatsächlich so aussah. 1987 starb Liberace an Aids. Im Jahr darauf veröffentlichte sein langjähriger Lebenspartner Scott Thorson seine Erinnerungen an die gemeinsame Zeit in dem Buch Behind the Candelabra. Es wurde zur Vorlage des Films.

Michael Douglas spielt den alternden Star mit viel Körpereinsatz, Bling Bling und so tuntig, dass der Kinosaal während der Weltpremiere laut auflacht. Ebenso schwul und bald im Strass-Tanga durchs Bild tänzelnd spielt Matt Damon Liberaces jungen Geliebten. Was sie aufführen ist ein Beziehungsdrama als Kammerspiel, wobei die Kammer freilich ein Siebzigerjahre Las-Vegas-Neuschwanstein ist. 

Wir sehen, wie die beiden sich kennenlernen, sich lieben und gemeinsam vor dem Fernseher Speck ansetzen. Als Folge einer späten Midlife-Crisis des Stars lassen sie sich schönheitsoperieren, bis Liberace nachts nicht mal mehr die Augenlider schließen kann. Das Ganze endet wie etliche Promi-Beziehungen mit einer unschönen Trennung und einem Rechtsstreit um den Unterhalt.


Soderbergh hat mit Damon und Douglas auch für diesen Film wieder Großkaliber Hollywoods begeistern können. Nach der Premiere lobten die beiden die überaus effektive Arbeitsweise des Regisseurs, und tatsächlich fragt man sich, wie der Mann das macht: allein in den vergangenen anderthalb Jahren fünf Filme fertigzustellen. Für Liberace hat er gerade mal 33 Drehtage gebraucht. Drei weitere Tage später war der erste Schnitt fertig. Schneller geht es kaum.

Da braucht man maximale Professionalität. Douglas, das sieht man auf der Leinwand, ist trotz aller flirrenden Übertreibung voller Demut gegenüber seiner Figur. Kaum einer, der in der Szene, in der Douglas den tödlich erkrankten alten Star spielt, nicht an Douglas' eigenes Krebsleiden erinnert wird. Am Ende bringt er uns mit dieser Haltung selbst das egozentrische Oszillieren Liberaces zwischen Zuneigung und Rücksichtslosigkeit nahe.

Aber Soderberghs Film hat auch Schwächen: Wie aus dem koksenden und körperlich ruinierten Liebhaber Scott nach der Trennung wieder ein grundsolider Bürger werden kann, erklärt sich mit keinem Bild. Ein Freund, der zu Beginn schön in Szene gesetzt wird und den Kontakt zwischen Scott und Liberace erst möglich macht, verschwindet wieder aus dem Plot, taucht aber noch zwei-, dreimal ohne erkennbares Motiv auf. Die als sehr eng geltende Beziehung zwischen Liberace und seiner Mutter bleibt oberflächlich. Ebenso die Figuren von Rose und Joe, Scotts Pflegeeltern.

Soderbergh scheint all diese Figuren einfach irgendwann vergessen zu haben. Möglicherweise liegt es an seinem Arbeitstempo. Vielleicht ist es aber auch genau das, was Soderbergh am Kinofilmmachen inzwischen vermisst: dass er keinen Roman abbilden kann. Im Fernsehen habe er künftig die Möglichkeit und die Zeit, Figuren nachzugehen. Sie zu vertiefen. Ambiguitäten herauszuarbeiten. Das werde im Kino nicht mehr gemacht, sagt er. Nun, zumindest nicht in Liberace