Zunächst muss dringend erwähnt werden, dass ein ungeduschter Mads Mikkelsen selbstredend besser aussieht als der gepeelte und gecremte Durchschnittsbürger. Dass die französischen Cevennen eine eindrucksvollere Flora besitzen als Brandenburg und Sachsen und dass das alles genau genommen ja irgendwie ungerecht ist. Und Gerechtigkeit ist bekanntlich ein großes Wort. Auch wenn man das schnell vergisst, weil es derzeit so dekorativ auf Wahlplakate passt. Weil man es in Diskurskonserven füllen kann, aus denen bei Günther Jauch diese ganzen rhetorischen Spielmarken rausplumpsen. Und da wir schon dabei sind: Der Buchstabenwert des Wortes ist so gering, dass es beim Scrabble bemerkenswert wenig Punkte bringt. Aber ideengeschichtlich war es immer riesig genug, um daran hemmungslos zu verzweifeln oder uns richtig wütend zu machen.    

Kleists Kohlhaas ist dafür ein gutes Beispiel. Michael Kohlhaas, der Rosshändler, dem ein Junker zwei Rappen stahl: der Auftakt zu einem der grausamsten Verhängniszusammenhänge der reclamgelben Literaturgeschichte. Kleists Novelle ist eine der radikalsten Erzählungen über Schuld, Gesetz und Gerechtigkeit. Fortan zieht Kohlhaas durchs Land und fordert Satisfaktion. Er steckt Städte in Brand, mordet und verliert am Ende sein Leben. Nun steht er in diesem Herbst wieder vor uns. 

Der Regisseur Arnaud des Pallières hat ihm die Gestalt von Mads Mikkelsen gegeben und die ganze Geschichte von Brandenburg in die rauen Ebenen der Cevennen verlegt, wo es zwar im 16. Jahrhundert keine Junker gibt, aber immerhin einen gelockten Baron. Ein weiterer Abgleich mit der literarischen Vorlage erübrigt sich, so wie sich im Wesentlichen auch die 122 Minuten ihrer Verfilmung erübrigen.

Michael Kohlhaas ist nämlich leider misslungen. Er ist, um das Mindeste zu sagen, ein Film, der hinter der Wucht der Novelle zurückbleibt. In tiefenentspannten Bildern illustriert er die Rachegeschichte eines durch Obrigkeitswillkür in seinem Rechtsgefühl entehrten Mannes. Was er dem Original hinzufügen soll außer ein paar hübsche Landschaftsaufnahmen, ist fraglich. Fast nie spürt man die ursprüngliche Hitzigkeit des Originals, was auch an der Abwesenheit von Kleists Sprache liegt.

Dabei war sie es, die den rauschhaften Selbstgenuss, die Gewaltexzesse seines Helden zu dem selbstgerechten Wahnsinn auftürmten, ihn nachvollziehbar werden ließ und somit Kohlhaas' ganze Tragik. Gut möglich, dass die expressive Sprache der Novelle sich schwerlich in filmische Bilder übersetzen lässt, ohne sofort in der Actionabteilung "Mord & Totschlag" oder in der vollkommenen Verbraveheartung zu enden. Als Ausweg wählt des Pallières: die Stille.