Die Altmeister des europäischen Autorenkinos haben schon zu ihrer Hochphase eine recht onkelhafte Attitüde gegenüber dem weiblichen Geschlecht an den Tag gelegt. François Truffauts Idee von wertigem Kino beruhte bekanntermaßen auf der Feststellung, dass es schon reiche, wenn eine schöne Frau schöne Dinge tut. Vom Freund und Kollegen Godard stammt das cineastische Bonmot, dass man für einen guten Film lediglich eine Waffe und eine Frau benötige. Den Rest richtete Onkel Jean-Luc. Wenn etwas am neuen europäischen Autorenfilm der sechziger Jahre nicht zweifelsfrei neu und fortschrittlich war, dann wohl sein Frauenbild.  

Auch Bernardo Bertolucci hat in seiner fast fünfzigjährigen Karriere nicht immer ein sicheres Händchen für Frauenfiguren bewiesen. Im Skandalfilm Der letzte Tango von Paris verstrickte ein ins Gigantomanische aufgedunsener Marlon Brando eine junge Französin in eine destruktive Liebesaffäre. Und sein Spätwerk ist mit schwülstigen Altherrenfantasien ausstaffiert: In Gefühl und Verführung ist die junge Liv Tyler im goldenen Licht der Toskana hilflos Bertoluccis lüsternen Blicken ausgeliefert, Eva Green muss in Die Träumer alle Klischees der sexuell befreiten Achtundsechziger erfüllen.  

Man befürchtet schon das Schlimmste, wenn in Ich und Du – Bertoluccis Comeback nach zehnjähriger, gesundheitsbedingter Pause – ein junges Mädchen unvermittelt in das adoleszente Zwischenreich des 14-jährigen Lorenzo (Jacopo Olmo Antinori) eindringt. Bei ihrem ersten Auftritt erinnert Olivia (Tea Falco) mit ihrem arg in Mitleidenschaft gezogenen Felljäckchen an einen geheimnisvollen, zerrupften Paradiesvogel. Ihre dunkle Energie erfüllt augenblicklich den spärlich eingerichteten Kellerraum, in dem sich ihr jüngerer Halbbruder versteckt hält. 

Lorenzo ist der letzte ihr verbliebene Mensch: Olivia ist ein Junkie, ohne Freunde, ohne Unterkunft, ohne Kontakt zur Familie. Auch ihr Halbbruder ist mit der Welt nicht im Reinen. Er versteckt sich vor seiner Mutter, deren Fürsorge und Liebe ihn nervt, und seinen Mitschülern, die sich gerade auf einer Ski-Freizeit befinden – welche er heimlich schwänzt. Sein Plan, eine Woche lang ungestört mit seinen Büchern, seiner Musik und einer selbstgezüchteten Ameisenkolonie zu verbringen, wird durch die Ankunft der heroinabhängigen Halbschwester vereitelt.

Todtrauriges Klagelied über die Einsamkeit zweier Liebender

Tea Falco, die wie Jacopo Olmo Antinori in Ich und Du ihr Filmdebüt gibt, hat eine aufwühlende Präsenz, wie geschaffen für einen Bertolucci-Film: wild und verletzlich, mit einem unterschwelligen sexuellen Temperament, das die Fantasie ihrer männlichen Beobachter beflügelt. Natürlich ist sie Künstlerin. Ihre Fotografien sind ästhetische Inszenierungen weiblicher Körper – wie sich ein älterer libertinärer Intellektueller eben junge, emanzipierte Frauen so vorstellt. Mit dem Unterschied, dass Ich und Du im Spannungsfeld der Ambivalenz und der Andeutung verhaftet bleibt.

Auch Lorenzo kann sich Olivias Ausstrahlung nicht entziehen. Nachdem er anfangs noch seine Mutter mit inzestuösen Anspielungen zur Weißglut getrieben hat, projiziert er nun widersprüchliche Gefühle auf seine Halbschwester: Er imaginiert sich in der Rolle des Beschützers und Liebhabers.

Schlüsselmoment ist ein Engtanz von Bruder und Schwester zu David Bowies Ragazzo solo, ragazza Zola, der italienischen Version von Space Oddity, eine psychedelische Ballade über die Einsamkeit eines Raumfahrers, interpretiert als todtrauriges Klagelied über die Einsamkeit zweier Liebender. Aus der körperlichen Nähe erwächst das gegenseitige Vertrauen zwei verlorener Seelen. Eine geschmackvolle Wendung in Bertoluccis Spätwerk, der mit Ich und Du beweist, dass er durchaus ein Gespür für die komplizierten Gefühlslagen seiner jugendlichen Protagonisten besitzt.