An kaum einem Ort zeigt sich soziale Ungleichheit drastischer als im Grenzland zwischen den USA und Mexiko. Erste Welt und globaler Süden treffen hier mit einer solchen Wucht aufeinander, dass sie durch einen Hochsicherheitszaun voneinander getrennt werden müssen. So undurchlässig die Grenze in Richtung Norden für Migranten ist, so reibungslos funktioniert eine andere Art des Verkehrs entlang des Bollwerks: Der Handel mit Drogen, Waffen und Menschen hat das Gebiet in eines der am härtesten umkämpften der Welt verwandelt.

Die Region hat auch das Kino seit jeher inspiriert, denn in der auf unwirtliche Weise atemberaubenden Landschaft verschmelzen historisches Bewusstsein und nationale Mythen von Landnahme und Unabhängigkeit. Der britische Regisseur Ridley Scott hat nun mit seinem neuen Film The Counselor die Mythen durch jene Ordnungsprinzipien ersetzt, die auch als Schmiermittel des Kapitalismus fungieren: Gier, rücksichtsloser Individualismus und ein hohes Maß an moralischer Flexibilität.

Scotts Titelfigur, wie so viele postmoderne Helden ein Fremder ohne Namen, vereint diese Eigenschaften auf exemplarische Weise. Michael Fassbender verleiht der Armani-gewandeten Figur des "Beraters" eine professionelle Geschmeidigkeit. Sie lässt ihn wie einen Fremdkörper erscheinen zwischen der geschmacklos lauten Welt der neureichen Drogen-Entrepreneure (Javier Bardem in wechselnder Mallorca-Freizeitgarderobe) und der materialistischen Realität des mexikanischen Kartells.

The Counselor handelt von einem 20 Millionen Dollar schweren Drogendeal, der fürchterlich schiefgeht und das Kartell auf den Plan ruft. Die Hintergründe des Plans sind reichlich verwirrend, auch weil Drehbuchautor Cormac McCarthy weniger Gewicht auf eine stringente Handlung zu legen scheint. The Counselor ist in erster Linie ein Wettstreit der Weltanschauungen. Allein Brad Pitt bewegt sich auf Augenhöhe mit Fassbenders Protagonisten, als undurchsichtiger Mittelsmann mit einer Vorliebe für teure Designer-Cowboy-Outfits und praktische Lebensphilosophien.

Die Fäden zieht im Hintergrund eine frivol exaltierte Cameron Diaz in der Rolle des maliziösen Gangsterliebchens Malkina. Ihre Rücksichtslosigkeit vertritt jenes Natur-Prinzip, dem alle Allianzen in The Counselor folgen: dem Recht des Stärkeren. Sie fühle sich geistig mit der Wüste verbunden, sagt sie einmal, diesem mitleidlosen Ort des Todes, an dem sich niemand mehr die Mühe macht, die Toten zu begraben. Acht- und kopflos werden sie weggeworfen, die Hinterbliebenen erhalten zur Erinnerung ein Hinrichtungsvideo.

Man hat diesen ausgebrannten Landstrich, den unser geistiges Auge heute mit dem charakteristischen gelben Farbstich aus Hollywood-Filmen assoziiert, in letzter Zeit öfter gesehen: in No Country for Old Men von den Coen-Brüdern, in Oliver Stones Pulp-Gangster-Farce Savages, im revisionistischen B-Movie Machete – und natürlich in Breaking Bad.

Allen Filmen ist gemein, dass sie noch über eine Vorstellung verfügen von der destruktiven Kraft der entfesselten (Drogen-)Märkte. Ridley Scott verzichtet auf diese Reflexionsebene, stattdessen nimmt er gewissermaßen die Perspektive des Schauplatzes ein. The Counselor ist ein Film über die Wüste – in den Menschen. Nicht als Transitraum von Drogenkurieren oder Massenbegräbnisstätte für Auftragskiller, sondern als moralischer Status quo.

Die eigene Raubtierwerdung

Das unerbittliche Klima der Wüste muss für eine umfassende Mentalitätsbeschreibung herhalten. Hier geht auch Malkina mit ihren Gepardenbabys auf die Jagd, ihren Rücken zieren die Tätowierungen von Tatzen. Die eigene Raubtierwerdung hat sich bereits in ihren Körper eingeschrieben.

Vielleicht ist es angesichts des globalisierten Drogenmarktes nur konsequent, dass The Counselor nicht im markanten mexikanisch-texanischen Grenzland entstanden ist, sondern in Spanien, wo schon der Italo-Western seine ausgemergelten Landschaften gefunden hat. Cormac McCarthy gilt in der Gegenwartsliteratur als fähigster Chronist der amerikanischen Grenzer-Mentalität, doch in diesem Fall verrennt sich sein Drehbuch über weite Strecken in bloßer Selbstbezüglichkeit.

In einer Hinsicht sind seiner Erfindungsgabe allerdings keine Grenzen gesetzt, nach dem Bolzenschussgerät aus No Country for Old Men bereichert er mit The Counselor das Arsenal an Tötungsinstrumenten um ein weiteres originelles Exemplar: einer Mischung aus Drahtschlinge und Guillotine. Der Zuschauer muss sich etwas gedulden, aber natürlich wird auch diese Waffe noch ihrer Bestimmung zugeführt.