Der Bundestagspräsident Norbert Lammert ist kein großer Freund politischer Talkshows. Im März 2011 sagte er: "Sie simulieren nur politische Debatten. In Wahrheit benutzen sie Politik zu Unterhaltungszwecken." Im April 2012 dozierte er, das Format "schließe aus, dass die Sachverhalte ernsthaft diskutiert werden". Und im November 2012 lästerte er über Stefan Raabs damals neue Pro Sieben-Sendung Absolute Mehrheit, die als Konkurrenz zu Günther Jauch antrat, deren Konzept sei "absoluter Unfug".

Es ist also ein kleiner Coup für David Reinisch, dass in seiner Premierensendung Lammert zu Gast ist, den man als ranghöchsten deutschen Medienkritiker bezeichnen kann. Es handelt sich dabei schließlich um einen politischen Talk. Meinungsfern heißt die 30-minütige Sendung, die erstmals am Montag um 23 Uhr im Dritten Fernsehprogramm des Bayerischen Rundfunks ausgestrahlt wird. Spät zwar, aber immerhin dient hier das Dritte Programm der ARD als Experimentierfläche für junge Fernsehversuche. Und allein die Anwesenheit des Bundestagspräsidenten kommt einer vorgezogenen Adelung gleich. Einerseits.

Andererseits ist eine politische Sendung nicht zwangsläufig besser, wenn sie von einem Politiker gelobt wird, der qua Amt auf die Einhaltung festgeschriebener Diskussionsregeln bestehen muss. Ein Lob des Bundestagspräsidenten macht eine Sendung nicht automatisch kurzweilig, aufschlussreich oder interessant. Es macht sie erst einmal unbedenklich für Sozialkundelehrer.

Wie also ist Meinungsfern?

Zunächst einmal hat Meinungsfern einen irreführenden Titel. Lammert vertritt hier Meinungen, und Reinisch auch. Was es tatsächlich nicht gibt in der Sendung, ist ritualisierter Streit. Aber Titelkritik ist zweitrangig, in Verstehen Sie Spaß? geht es ja auch nicht ums Spaßverstehen, sondern ums Spaßerkennen, und keinen stört es.

Kritik an Günther Jauch und seinen Kollegen

Es gibt einen Moderator (Reinisch), einen Gast (in diesem Fall Lammert), beide auf Barhockern am Tresen der bekannten Münchner Kneipe "Jennerwein". Dahinter steht ein junger Journalist, Christian Helten von jetzt.de, der Cocktails, Bier und klare Schnäpse ausschenkt. Lammert beweist beim Cocktail (Wodka, Campari, Orangensaft) einen ordentlichen Zug, fühlt sich mit dem Bier aber nach eigenem Bekunden wohler. David Reinisch, der gleich was Richtiges trinken darf (Bier), inszeniert seine Sendung, deren Piloten er selbst produziert und dann Sendern angeboten hat, also als Kneipengespräch.

Der Gedankengang dahinter leuchtet ein: In einer Kneipe kann man unsteril reden. Im Umkehrschluss heißt das, die großen politischen Fernsehtalkshows seien abgehoben, folgten eigenen medialen Inszenierungsregeln und produzierten Stanzen. In einem Interview kritisierte Reinisch, in Polittalks säßen "fünf Leute mit unterschiedlichen Meinungen, und je mehr gestritten wird, desto besser ist die Quote". Reinisch rehabilitiert damit einerseits den Stammtisch (den es als Sonntags-Stammtisch im Bayerischen Fernsehen auch anderswo gibt) als denkbaren Ort einer nicht vorurteilsgetränkten Diskussion. Andererseits ist mit dem Setting Kritik an Günther Jauch und dessen Kollegen verbunden: Da ist ja sogar Stammtisch seriöser, sagt uns Reinisch.