Diese Rolle ist ein Geschenk für Robert Redford, diese Ikone der amerikanischen Linken. Wie hat der Mann sich in den vergangenen Jahrzehnten abgearbeitet an den politischen Verhältnissen seiner Heimat. Doch an seine großen Polit-Thriller aus den Siebzigern, an Die drei Tage des Condor (1975) und Die Unbestechlichen (1976) konnte er mit ehrenwerten, aber nicht wirklich überzeugenden Filmen wie Von Löwen und Lämmern (2007) und The Company You Keep (2012) nicht mehr anknüpfen. Für die großen romantischen Rollen wie in Jenseits von Afrika (1984) und Der Pferdeflüsterer (1998) ist er zu alt. Und an leichten Komödien wie Der Clou (1973) oder Sneakers – Die Lautlosen (1992) hatte Redford schon lange das Interesse verloren.

Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er Hollywood rasch satt hatte. Dieses Studiosystem, das darauf bestand, ihn wegen seines guten Aussehens immer wieder als wahlweise romantischen oder heldenhaften leading man zu besetzen. Also zog er sich in die Berge Utahs zurück, wo er ein ganzes Skigebiet gekauft hatte. Er beschäftigte sich mit Umweltschutz und seinem Ziehkind, dem Sundance Film Festival. Der amerikanische Independentfilm ist ohne den Einfluss Redfords nicht denkbar. In Sundance gab er Filmen eine Plattform, wie er sie vielleicht gern selbst gemacht hätte, aber wegen seiner Berühmtheit nicht konnte.

Das Angebot zum Neustart kam von dem Regisseur J.C. Chandor, der sein Spielfilm-Debüt Margin Call nach 15 Jahren als Werbeclip-Regisseur 2011 in Sundance präsentiert hatte. Er erkannte, dass nur Redford diese Rolle spielen konnte. Und der 77-Jährige, der das nur 30 Seiten umfassende Drehbuch schnell gelesen hatte, sagte zu, obwohl der Dreh in demselben Wassertank, in dem auch Titanic entstand, eine körperliche Herausforderung bedeuten würde.

All is Lost ist ein Schauspielerfilm, wie es nur wenige gibt

Endlich konnte Redford seine zahlreichen Häute abstreifen und wieder purer Schauspieler sein. Wie damals, als er mit George Roy Hill den Western Zwei Banditen (1969) drehte oder später mit Sydney Pollack Jeremiah Johnson (1972). Pollack, mit dem Redford insgesamt sieben Filme machte, sagte über seinen Star: "Er ist ein Minimalist. Er lädt uns dazu ein, unsere Gefühle auf ihn zu projizieren. Seine Figuren behalten ihr Geheimnis, und wir füllen die Lücken aus." Redfords Schauspiel-Stil ist weit entfernt von den Method-Acting-Extravaganzen von Robert de Niro, Al Pacino oder Jack Nicholson. Was in schwächeren Filmen wie Der große Gatsby (1974) wie Orientierungslosigkeit wirkte, war in Wahrheit ein Minimalismus, der vom Regisseur gefördert und richtig eingesetzt werden wollte.

Chandor konzentriert diese Qualität in seinem Survival-Kammerspiel. All is Lost ist ein Schauspielerfilm, wie es nur wenige gibt. Redford leiht dem Mann ohne Namen sein verwittertes, aber immer noch schönes Gesicht und eine magnetische Ausstrahlung, wie sie mehr als 40 Jahre Erfahrung verleihen. Die Figur spiegelt aber auch die Kämpfe und Niederlagen der Generation Redford, die in den späten Sechzigern die Welt ändern wollte und sich jetzt, im Alter, selbst Rechenschaft ablegt.

Ob der Kampf wirklich verloren ist, wie der Titel suggeriert, bleibt dabei offen. Vielleicht ist es ja auch der Kampf selbst, auf den es ankommt. Der zumindest steckt in All is Lost voller Leben.