Eigentlich sollte es ein fulminanter Abend werden, mit Sekt und wildem Sex, der Auftakt für ein besseres Leben. Doch als Max dann endlich im schwarzen Gummihöschen seiner großen Liebe Gabi beim Vögeln zusieht, kommen ihm ausgerechnet Grundsatzfragen: Wer bin ich? Was mache ich hier? Er blickt Gabi ins verschwitzte Gesicht und erlebt völlig nüchtern seinen "Moment der Wahrheit": Er ist ein Junkie. Es geht ihm nur um den schnellen Kick. Und das wird auch so bleiben, wenn er diesen Swinger-Club verlassen hat, um in sein Zimmer in der darüberliegenden Absteige zurückzukehren, in die Pension "Annelie".

Der Film von Antej Farac zeigt die letzten Tage dieser Pension "Annelie" vor ihrer Räumung. Es ist ein jämmerliches Wohnhaus für Drogenabhängige, Obdachlose und Kleinkriminelle inmitten von München, Landwehrstraße 19, Hinterhof, nur wenige Meter von der Fußgängerzone entfernt. Bis vor einem Jahr hat es das Haus tatsächlich gegeben. Heute steht dort ein Designhotel.

Farac hatte viel Zeit, die Menschen kennenzulernen. In seiner Studienzeit an der Hochschule für Fernsehen und Film wohnte er direkt gegenüber der Pension, "in einer schicken Designerbude", wie er sagt. Zuerst beobachtete er das Treiben in Haus und Hof von seinem Fenster aus: fluchende Männer und Frauen und dazwischen immer wieder Kinder. Ihre Streitereien wegen irgendwelcher Kleinigkeiten. Das Herumgehocke, der Frust, die Zerstörungswut.

Irgendwann hat er seinen Posten verlassen und sich zu ihnen gesellt. Er stellte Fragen, hörte zu, brachte seinen Nachbarn Dinge, die er nicht mehr brauchte: Wintermantel, Stereoanlage, Computer. Bald schon schoss er Fotos und drehte Videos, vor zwei Jahren den Dokumentarfilm Mixuga mit der transsexuellen Heimbewohnerin Laura in der Hauptrolle. "Der Weg zum Spielfilm war da nicht weit", sagt Farac. "Zumal die Bewohner Lust hatten auf etwas richtig Großes." Also zeigt er uns nun in seinem neuen Film den oft trostlosen Alltag der Hartz-IVler – allerdings in einer geschönten Version. "Wie es in dem Haus wirklich abging, wollte ich keinem zumuten", sagt er. "Die Zuschauer hätte ich damit nur verstört und die Bewohner bloßgestellt."

Gerne wird Farac mit dem vielfach ausgezeichneten österreichischen Filmemacher Ulrich Seidl verglichen, der kotzende Models, verliebte Sodomiten und dicke Teenager filmt (Models, Tierlieb. Paradies: Hoffnung). "Ein Kompliment. Natürlich. Aber vor allem dem Umstand geschuldet, dass Filme immer irgendwie eingeordnet werden müssen." Farac selbst würde "Doku-Fiktion" oder "Gonzo Surrealismus" sagen. Wenn schon Schublade, dann gefallen ihm diese für Annelie am besten. Was er zeigt ist Realität mit einer kräftigen Prise Exzentrik und Glamour – zuweilen hart an der Grenze des Erträglichen, wie die Szene, in der Max einer nackten Frau auf einem Poster seine gebrauchte Spritze zwischen die Beine rammt. Dann wieder mit skurril-kauzigem Humor: Laura, die Spätzündertranse, hilft den Analphabeten im Haus mit den Amtsbriefen und der Hausmeistertochter mit den Hausaufgaben. Yogi, der Exzuhälter und Besitzer des Getränkemarkts gleich um die Ecke, entführt aus Frust, weil ihm gefälschte KISS-Karten angedreht wurden, die Hardrock-Band (gespielt von der Doppelgänger-Band First Kiss) und versteckt die vier Musiker kurzerhand bei sich im Lager. "Den Bewohnern hat die Idee gleich gefallen", sagt Farac, "die meisten kennen KISS noch aus ihren Kinder- und Jugendtagen." Die Songzeile "I was made for loving you" kann hier jeder unterschreiben. Geschaffen, um zu lieben – und geliebt zu werden.