Dieser Tintenfisch! Niemand, der den koreanischen Rache-Thriller Oldboy von Park Chan-wook kennt, wird je die Szene vergessen, in der der Hauptdarsteller Choi Min-sik einen lebenden Oktopus verspeist. Was der Westler eklig findet, gilt in Asien zwar als Delikatesse, doch jenseits kultureller Codes löst die Szene angesichts des dumpf mampfenden Menschen und der ihm ausgelieferten Kreatur ein überwältigendes Gefühl existenzialistischer Entfremdung aus. In Spike Lees amerikanischem Remake des Films dagegen schaufelt Hauptdarsteller Josh Brolin jetzt nur stumpf Tintenfischringe in sich hinein. Asiatisches Arthouse wird paniert, frittiert und landet als US-Fastfood im Kino – kaum zwei Bilder könnten die beiden Filme treffender vergleichen. 

Die Restaurant-Szene ist zu lustlos inszeniert für eine Hommage an das Original von 2003. Und existenzialistisches Gewicht lässt sich ihr beim besten Willen nicht abringen. So wenig wie dem Rest des Remakes. Lee hat sich mit seiner Version viel Ärger eingehandelt: nicht nur wie bei Remakes üblich unter den vielen Fans, für die das Original Kultstatus hat und die nun in einschlägigen Foren detailliert Szenen vergleichen. Auch die Mehrzahl der Medien war sich zum Kinostart an Thanksgiving einig: Lees Oldboy ist Mist. Der Forbes-Kritiker befand gar, es handele sich um Lees schlechtesten Film überhaupt. Nicht einmal die Beteiligten selbst scheinen von ihrem Werk überzeugt. Josh Brolin sagte in einem Interview mit der L.A. Times: "Ich habe eine Meinung, aber ich beiße mir besser auf die Zunge."

Damit reiht sich Oldboy ein in eine lange Reihe missglückter US-Remakes europäischer oder asiatischer Filme der vergangenen Jahre. Filme neu aufzukochen ist nicht neu, schon in den dreißiger Jahren räuberte die gefräßige Verwertungsmaschine Hollywood in fremden Gewässern. Aber nach dem Jahrtausendwechsel nahm diese Art, neue Filme ins Kino zu bringen, deutlich zu. Erfolg hatten sie selten. Am besten schnitten noch Horrorfilme wie The Ring ab, die größtenteils japanische Vorlagen kopierten. Aber gerade an Dramen wie Brothers (Remake des innovativ erzählten, dänischen  Arthouse-Films Unter Brüdern) oder Thrillern wie 13 (vom französischen 13 Tzameti) ließen weder Kritiker noch Publikum viel Gutes. Von der Originalität des Originals blieb meist nichts übrig.

Im Fall von Oldboy sicherlich besonders schwierig ist die Bekanntheit der Vorlage. Schließlich wurde Park Chan-wooks Film vor gerade mal zehn Jahren weltweit gefeiert und machte die ungeheuer lebendige Filmszene Südkoreas beinahe im Alleingang auch im westlichen Mainstream bekannt. Aber diese Gefahr ahnte Spike Lee. Deshalb wurde er nicht müde zu betonen, sein Oldboy sei eine Interpretation des Originals, kein Remake. Als Inspirationsquelle für seine Version habe außerdem das gleichnamige japanische Manga gedient, auf dem auch der koreanische Film basierte.

Doch was die Grundzüge des Plots angeht, ähneln sich beide Filme stark: Josh Brolin spielt den Werbefachmann Joe Doucett, ein zynischer, schmieriger Macho-Worcaholic, der nach einer Sauftour in einem Hotelzimmer erwacht. Dummerweise lässt sich die Türe nicht öffnen. Das Zimmer entpuppt sich als Gefängnis, in dem Joe 20 Jahre lang schmoren wird. Nicht nur das: Er muss auch noch im Fernsehen mit ansehen, wie seine Frau vergewaltigt und ermordet und seine traumatisierte Tochter bei einer Pflegefamilie untergebracht wird.

Joe überwindet seine Alkoholsucht, stählt seinen Körper, lernt mithilfe eines TV-Kurses asiatische Kampftechniken. Er ist bereit zur Rache, als er endlich auf freien Fuß gesetzt wird. In Marie (Elizabeth Olson) findet der schweigsame Brutalo eine Gefährtin und schließlich Geliebte. Die beiden kommen dem finsteren Geschäftsmann auf die Schliche, der für Joes Entführung verantwortlich ist – und seinem kranken Plan, in dem Joe weiterhin eine zentrale Rolle spielt.