TV-Kritik im Sekundentakt: Oft sind die Kommentare auf dem sogenannten Second Screen viel unterhaltsamer als das, was auf dem Fernsehbildschirm zu sehen ist. Die Twittritik auf ZEIT ONLINE erklärt, was die Zuschauer wirklich beschäftigt.


Video an, Augen zu, Ohren auf. Wo sind Sie jetzt? Im London der frühen Sechziger, im Berliner Olympiastadion kurz nach der Wende oder im Jugendzentrum Fürstenfeldbruck 1995?

Zum Glück oder Unglück– Sie sitzen auf dem Sofa, es ist Sonntagabend und Paint it black die Ouvertüre des Stuttgarter Tatort. Der Stones-Song fließt durch die Kopfhörer einer 13-Jährigen im Stuttgarter Sozialbau und natürlich fragt sich der kritische Zuschauer sofort, wie das eigentlich sein kann.

Schon geht es weiter in der Playlist: Sarah, tatverdächtig, ihren Sozialarbeiter im Klo des Jugendhauses erschlagen und ersäuft zu haben, stapft mit Breathe von The Prodigy durch den Schnee und beamt den Tatort-Durchschnittszuschauer zurück in die eigene Jugend.  

Um 20.40 Uhr sind alle Tatort-Regeln gebrochen. Sarah gesteht den Mord am Sozialarbeiter. Motiv: sexuelle Belästigung. Soundtrack: Creedence Clearwater Revival (CCR): Fortunate Son.

Während alle verwirrt überlegen, ob der Fall jetzt aus ist, Günther Jauch vorverlegt wird und wo eigentlich die alten Creedence-Tapes sind, darf man den Tatort auch einmal loben. Dafür, dass er die Musik eine Geschichte erzählen lässt.

Denn es ist tatsächlich so, dass der Woodstock-Sound und das Neunziger-Jahre-Gerumpel diesen Tatort davor retten, der 387. Sozialdrama-Jugendzentrums-Einheitsbrei der Serie zu werden.

Nein, die kommen eben nicht. Und dafür bekommt der Stuttgarter Tatort mindestens die Goldene Schallplatte der Twittritik. Weil er nicht mit pseudo-authentischem Wir-wissen-was-die-Jugend-hört-Gerappe nervt. Sondern einfach mal ein bisschen Metallica im Hintergrund laufen lässt.

Und genau damit kriegt er uns – denn schließlich sind wir am Sonntagabend alle ein bisschen sentimental.